Nach zehnjähriger Pause fand am Sonntag zum erstenmal wieder das Rennen auf dem Nürburgring statt. Der Matador des Tages war der Motorradfahrer Georg Meier auf einer neuen BMW-Kompressormaschine, mit der er seine schnellste Runde in dem Rekordtempo von 125,6 Stundenkilometern fuhr.

Die einen lieben Pferde, die anderen Motore. Aber in einem Punkte sind sie einig: Rennen müssen sein!. Nicht deshalb etwa, damit die Sensationsgier der Menschen gekitzelt werde; auch nicht deshalb, weil man anders heutzutage zu keinem Vermögen kommen könne als durch steuerfreie Rennwett-Siege. Sondern ... hat ein schnelles Pferd im Rennen seine Qualitäten bewiesen, so hat es fortan die Aufgabe, seine Tugenden nicht nur an weitere Rennpferde, sondern auch an Gebrauchspferde zu vererben. Ist ein Rennmotor "mit Bravour über die Strecke gegangen", so nutzt die Industrie die so gewonnenen Erfahrungen für die Fortentwicklung der Gebrauchsmaschinen. Danach kann man den Vergleich wagen, daß stets das im Rennen siegreiche Motorrad zum Ahnherrn alltäglich motorisierter Zweiräder wird ... Daß tatsächlich aber auch die Sensationsgier der Menschenmassen durch solche Rennen angeregt wird, ebenso wie ihre Lust, durch kleine Toto-Einsätze viel Geld zu gewinnen – das zeigte dieser Eifelsonntag sogar denen, die das Geräusch von Kompressoren nicht begeistert, nur ängstigt, weil es sie an Sirenen erinnert.

250 000 Menschen standen, lagen, saßen am Rande der 22,8 Kilometer langen Strecke. Sie saßen auf Tribünen, sie lagen an Abhängen zwischen den gelb leuchtenden Ginsterbüschen; sie saßen auf Hügeln, die nicht nur den Blick auf das weiße Band der Strecke gestatten, sondern das ganze Panorama der Eifellandschaft frei und herrlich eröffnen. Und manchmal wußte man nicht, was aufregender sei: der Anblick des von Wolken übergangenen Landes, in dessen Mitte die alten Ruinen der Nürburg seltsam fremd und abweisend aufragen, oder das Bild der Motorräder oder der kleinen Rennwagen, die auf dieser schwierigsten Strecke Europas um die Wette kurvten, so toll, daß jenen Zuschauern, die leichtsinnig genug waren, dicht an den Rand der Bahn heranzutreten, die von den rasenden Pneus geschleuderten Steinchen um die Ohren flogen.

Das Land ist schön. Der Frühling hatte der Eifel Herbheit nicht nur das Fronleichnam-Gelb der Ginster, sondern auch das Weiß einer sich hier noch schüchtern entfaltenden Baumblüte hinzugefügt. So vergaß man angesichts ihrer Schönheit, wie wenig die Eifel mit Fruchtbarkeit gesegnet ist. (Immer sind in Deutschland die ärmsten Gegenden die schönsten. Sie haben damit einen Trost, den arme Menschen leider nicht immer haben.)

Es waren aber nicht nur schöne und wohlhabende New-look-Menschen zum Nürburg-Rennen gekommen. Es kamen auch Tünnes und Schäl, und es ist arg zu erzählen, aber wahr, daß Schal dem Tünnes "eins in die Fresse schlug", weil er behauptete, dieser hätte den Blick auf Meier ihm verstellt, und ein Schutzmann griff ein und lange Debatten entspannen sich, wer angefangen hätte,, und derweil donnerte der schnelle Meier – Europas Meister und Motorrad-Matador – vorüber, unbemerkt... Man hörte Dialekte aus allen Teilen Westdeutschlands, dazwischen das gurrende Französisch, das singende Belgisch, das behäbige Flämisch der Besatzungstruppen; und ein junger belgischer Soldat war das einzige Opfer des Rennens: er war dicht an den Rand der Bahn herangetreten, als der Fahrer Weeke mit seinem kleinen, selbstgebauten Rennwagen bei Kilometer 15,6 die Herrschaft über das Fahrzeug verlor, ins Schleudern geriet und ihn, den Belgier, umriß. (Er wurde schwer verletzt, während der Fahrer mit einem Bruch des Handgelenks davonkam.)

Die Polizisten waren von bezaubernder Höflichkeit, aber wer von den Besuchern keine "Ausnahmegenehmigung" hatte, der wurde mit rheinischer Grandezza zu Protokoll genommen. Dies und die offensichtliche Tatsache, daß der Staat Geld braucht, waren die Themen, die nächst den eigentlichen Ereignissen des Rennens am eifrigsten diskutiert wurden. Die Rheinländer haben die Gewohnheit, daß sie Verbote gern übertreten, mit den Franzosen gemeinsam. Jetzt verbargen sie unter ihrem Lächeln ihr. schlechtes Gewissen, Benzin statt für Geschäftszwecke zum Vergnügen, nämlich zum Besuch des Nürburg-Ringes verwandt zu haben. Da muß man jene Leute loben, die von weither gekommen waren und brav seit dem vorigen Nachmittag an den Abhängen rund um die Nürburg lagerten, in Zelten oder einfach unter Mänteln, im Freien kampierten und offensichtlich bereit waren, die Aufregungen des Renntages mit einem nächtlich gewonnenen Schnupfen zu bezahlen.

Die Aufregungen entsprachen durchaus den Erwartungen. Sah man die "schnellen Männer" (so wurden die Rennfahrer von einem weithin dröhnenden Lautsprecher genannt) auf ihren Motorrädern vorübersausen, so wirkte schon der Lärm ihrer Motoren drückend auf die Magennerven. Wie aber erst der Anblick ihrer unheimlichen Geschwindigkeit! Der Nürburg-Ring, der vollständig restauriert und dessen vom Kriege lädierte Nordschleife mit großen Mühen wiederhergestellt wurde, weist Höhenunterschiede von 300 Metern auf und rund 170 Kurven. Wer hier besteht – ob "Lizenz"- oder "Ausweis"-Fahrer – muß Spezialist nicht nur der Fahrkunst, sondern dieser Strecke sein. "Schade", sagten viele, "daß die internationale. Konkurrenz noch fehlt." Es fehlte nicht nur die internationale Konkurrenz, es fehlten vor allem die "Silberpfeile", die schweren Rennwagen, wie sie die Auto-Union und Mercedes gebaut haben. Die kleinen Sportwagen (bis zu 2000 ccm Hubraum) und die Kleinst-Rennwagen (mit ihren höchstens 750 ccm Inhalt) boten einen schlechten Ersatz. Da war sogar ein Volkswagen, der "auf Rennwagen, frisiert" seinem Fahrer Petermax Müller zum Siege verhalf. (Müller fuhr sechs Runden mit einem Durchschnitt von 98,8 Kilomer Geschwindigkeit. Volkswagen-Fahrer, tragt eure Köpfe höher!)