Von Gustaf A. Mulach

Dies ist die Situation der Gegenwart –: Von den Flackerlichtern eines chartischen Flammenspiels überhellt, liegt das sogenannte bürgerliche Zeitalter auf seinem Sterbelager. Schmerzvolle Erschütterungen der europäischen Menschheit haben in den Tagen der großen französischen Revolution von 1789 seine Geburt begleitet; der Einbruch des absolut Bösen in die Welt begleitet schmerzvoll seinen Ausgang. Die Zeit ist aus den Fugen, und Bürger Hamlet monologisiert geistreich über der Gedanken Blässe...

Die Verwirrung der Geister ist babylonisch, und Zustände, die Gustave Flaubert einst als gefährliche Vorzeichen eines drohenden Weltuntergangs bezeichnet hat, wie Geldgier, Bilderstürmerei, Haß gegen echte Überlegenheit, Schmähsucht und grobe Unwissenheit, sindoffen zutage getreten. Der Gedanke ist nicht mehr frei: Schillers „Wilhelm Tell“ wurde einmal vom Faschismus als „unerwünscht“ betrachtet und wird zum anderen von der Volksdemokratie verboten. Ein junger Soldat der amerikanischen Besatzungsarmee in Deutschland erklärt: „Ich bin für mein Vaterland verloren. Es ist mir zu eng.“ Ein aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrter deutscher Bürger wird tragischer Mittelpunkt in einem „Fall Sendenhorst“. Er erhält in seinem Vaterlande keine Zuzugsgenehmigung, keine Lebensmittelkarten, und er wählt in Verzweiflung den Freitod. Leicht sind die Menschen zu radikalen Taten geneigt, und „Gewalt, das Götzenbild“, steht starr und dunkelglühend wie Karthagos Moloch immer noch vor der geängstigten Menschheit. Halbwüchsige beiderlei Geschlechtes sehen einen Film mit dem Titel „Der perfekte Mörder“, in dem ein Mann meinen Nebenbuhler um die Gunst einer Frau auf fürchterliche Weise ums Leben bringt, wobei die Einzelheiten dieses grauenhaften Geschehens „mit einer schauerlich genußvollen Ausführlichkeit“ dargestellt werden. Und ein deutscher hoher Beamter im Ministerrang sagt: „Der europäische Friede hängt ab von der Gesinnung der kommenden Generation...“ Aber abhängig ist dieser Friede auch noch von anderen Dingen. Fernand Gregh schrieb in der Zeitschrift „Les Œuvres Libres: „Wenn die Atombombe die Verantwortlichen der verschiedenen Völker noch nicht genügend schreckt, so ist es nicht unmöglich, daß wir einen dritten Weltkrieg erleben, und das wird, wenigstens in Europa, das Ende der Zivilisation bedeuten, wie Valéry es vorausgesagt hat...“

Was kann also, was muß geschehen?

In ihrer Substanz von den negativen politischen und sozialen Begleiterscheinungen der Agonie des bürgerlichen Zeitalters gefährlich bedroht, ist die geistige Welt vor die schier übermenschliche Aufgabe gestellt, die Atmosphäre zu entgiften. Die Existentialphilosophie unserer Tage, die den Weg des Menschen zu sich selber sucht, ist eines der, Merkmale für die schwere Krise, in die der Mensch in seiner Selbstherrlichkeit geraten ist. Aber sie ist nicht nur Symptom. Sie. ist zugleich ein Versuch, das Chaos zu ordnen. Denn das Drohende und Angstdurchzitterte im Dasein des heutigen Menschen ist der Motor der allgemeinen Krise.

Als nach dem Zusammenbruch von 1945 der Surrealismus auf den deutschen Bühnen erschien, waren die Meinungen über ihn geteilt. Auf der einen Seite betrachtete man ihn als ein Schattengewächs, als geheimnisvolle Droge aus einer seelischen Landschaft, deren Küsten von den Brandungswellen eines sehr diesseitigen Ozeans der Schmerzen und des Grauens umspült werden Anderseits stand man dem Anliegen des Surrealismus, den Doppelboden des Diesseits sichtbar zu machen, mit einer von angenehmem Gruseln begleiteten lächelnden Duldung gegenüber. Doch war das Bemühen des Surrealismus, gefährliche Größen und Werte aus ihren Tarnungen zu lösen und sichtbar zu machen, nicht eben neu. Die Monstrositäten auf den Bildern eines Hieronymus Bosch, der seine Höllenvisionen schuf, weil er „von den Nachtseiten des Lebens aufs tiefste angerührt“ war, stecken in demselben Spiel, wie der hingerichtete Herr Null aus Elmar L. Rices „Rechenmaschine“, der auf seinem Grabhügel mit einem ebenfalls auf hochnotpeinliche Weise aus dem Diesseits geschiedenen Muttermörder gespenstische Zwiesprache hält. Der auf einem Apfelbaum geruhig auf seine Stunde wartende Tod Paul Osbornes hält Nachbarschaft mit dem das Haus am Meer umschleichenden Horla in Maupassants gleichnamiger Novelle und hat im „Eindringling“ Maurice Maeterlincks einen die Sense dengelnden und die Lampen ausblasenden unsichtbaren Vetter. Die phantastischen Steinfratzen der Wasserspeier an Domen und Kathedralen sind ebensolche surrealistischen Destillate aus dem Wesen des Menschen wie der racheheischende Geist des Vaters auf der Schloßterrasse in Helsingfors, des Dänenprinzen Hamlet „trefflicher Minierer“.

Das Neue, das ist eben manchmal nur das. Alte. Aber immer, wenn die Vorliebe für das Abseitige und Hintergründige allgemein und auffällig wird, dann ist in der geistigen Situation des Menschen etwas in Unordnung. Deshalb darf man wohl sagen: Wenn ein Surrealismus in der Vorstellung dämonischer Bilder ein Wesentliches sucht, dann ist der „Kessel“ überheizt, dann ist die „Dampfspannung“ zu hoch gestiegen. Die Manometernadel zittert über dem roten Strich. Das Überdruckventil fängt an zu pfeifen! An Warnern hat es nicht gefehlt.