Von Hans Habe

Was sich da an Gerede um die berühmte Filmschauspielerin Ingrid Bergman und den nicht ganz so berühmten Regisseur Rossellini breitgemacht hat, könnte man gut verschweigen, wenn nicht eine geheime Zentrale hier am Werke wäre, die den Anlaß benutzte, aus einem Klatsch einen Weltklatsch zu machen: Hollywood. Erst unter dieser Perspektive wird die „Affäre“ bedeutsam, und deshalb hat kein Geringerer als Hans Habe sich des Falles angenommen. – Hans Habe, aus Ungarn stammend, aber in der Welt deutscher Kultur als Deutscher groß geworden, hat im letzten Weltkrieg auf französischer Seite gekämpft, ging dann nach Amerika und sah Deutschland nach dem Kriege in seiner Eigenschaft als Chefredakteur der von der amerikanischen Behörde herausgegebenen „Neuen Zeitung“ wieder. Er kennt Hollywood genau ...

Rom, im Mai

So scharf ich auch nachdenke, so fällt es mir doch schwer, einen Gegenstand zu finden, der mich profunder langweilen würde als die angebliche Liebesaffäre zwischen dem Filmstar Ingrid Bergman und dem Regisseur Roberto Rossellini. Ich bin mir vollauf der Tatsache bewußt, daß dieser Satz keine gute Einleitung zu einem Artikel über das romantische Liebespaar von Stromboli darstellt, dessen „Romance“ vor kurzem durch gegenseitige Erklärungen, sowie die Äußerungen von Agenten, „Business manager“ und Rechtsanwälten beider Kontinente offiziell abgeschlossen wurde. Der Satz mußte dennoch an die Spitze dieser Betrachtung gestellt werden, damit nicht etwa der Verdacht entstehe, ich hätte die Absicht, die Rotationsgeschwindigkeit der Mageninhalte eines geduldigen Publikums einer weiteren Belastungsprobe zu unterwerfen.

Es handelt sich um etwas ganz anderes. Die „Affäre Bergman-Rossellini“, die mehrere Wochen hindurch die Verhandlungen über die Aufhebung der Berliner Blockade in den Schatten stellte, ist so bezeichnend für jenes Hollywood, das dem großen Publikum unbekannt ist, daß sie in der Tat wert ist, von allen Seiten beleuchtet zu werden. Sie ist keine Privataffäre mehr, sondem ein klassischer Fall.

Nur die Eingeweihten wissen, wie die „Affäre“ begann. – Vor etwa zwei Jahren gab Roberto Rossellini ein Interview, in dem der Regisseur erklärte, er habe keine Absicht, je wieder einen Film mit Schauspielern zu drehen – „es sei denn, daß ich Ingrid Bergman für einen Film gewinnen könnte; aber sie ist ja auch keine Schauspielerin ...“ Ingrid Bergman las das Interview in Hollywood. Sie schrieb Rossellini sogleich einen Brief, in dem sie sich beklagte, das Wort „Ich liebe Dich“ nicht in italienischer Sprache ausdrücken zu können – eine gewiß poetisch gemeinte Behauptung, wenn man bedenkt, daß selbst in den Hollywooder Bibliodicken ein englisch-italienisches Wörterbuch ohne Schwierigkeiten gefunden werden kann. Rossellini, dem ein solches Wörterbuch in Rom offenbar zugänglich war, erwiderte mit einem Telegramm; in dem die Wörter „I love you“ höchst orthographisch buchstabiert waren.

Ereignisse, die später eintraten, förderten die solcherart begonnene romantische Beziehung. Die einigermaßen katastrophalen Kritiken, die „la“ Bergman nach ihren Filmen „Arch of Triumph“ und „Joan of Arc“ erhielt, sowie die notorischen finanziellen Schwierigkeiten des genialen Regisseurs deuteten auf die Notwendigkeit einer künstlerischen Eheschließung hin: es war an der Zeit, daß Rossellini einen Film drehe, der dem großen Publikum zusagt, und es war ebenso an der Zeit, daß die Bergman das Wasser der „Box office“ mit etwas künstlerischem Wein mische. Aus dem gegenseitigen „I love you“ wurde ein Hollywood – Vertrag ... Wer noch daran zweifeln wollte, daß Filmstars und Filmregisseure die Rolle der Könige und Prinzessinnen versunkener Jahrhunderte übernommen haben, der wird hier eines Besseren belehrt: die Staatsräson des Films ist ebenso bindend wie es einst die Staatsräson von Herrscherhäusern gewesen ist.