Von Werner Haftmarin

Im Lenbach-Haus in München findet zur Zeit eine umfangreiche Gedächtnisausstellung für den 1944 verstorbenen Maler Leo v. König statt.

Man mag noch so modern sein, Avantgardist, Dogmatiker modernster Maltheorien, doch wird man immer noch von einigen Malern wissen, die es auch noch gibt. Leo v. König war einer dieser Maler. Er hat in der ganzen Entwicklung der deutschen Moderne immer etwas bedeutet, obwohl er selbst nie eigentlich ein „moderner“ Maler war. Er hat etwas bedeutet durch seine Menschlichkeit, durch die untrügliche Sicherheit seines Geschmacks. Er war in der edelsten Bedeutung des Wortes ein Herr, der auch seinen Leidenschaften noch Takt, Maß und Zurückhaltung zu geben wußte.

Seine erste künstlerische Begeisterung fand der 1871 in Braunschweig geborene Offizierssohn in Paris, wo er 1894 bis 1897 auf der Akademie Julien studierte. Paris – dort lernte man damals die Natur ganz neu aus der Freiheit des persönlichen Temperaments, sehen. Die aus diesem Impuls gewonnene Malmethode, der Impressionismus, hatte seine eigene Sprache damals schon erarbeitet. Leo v. König machte sich diese Sprache zu eigen. Er war damit nicht allein. Als er 1900 in Berlin ansässig wurde, fand er in der Berliner Sezession die natürliche Umwelt für seine Maiweise: – Liebermann, Slevogt, Corinth. Eine gewisse Nobilität kennzeichnete von allem Anfang an seine Bilder in einer Umwelt, in welcher der Maler jägerhaft den Ereignissen der malerischen Naturwirkungen wie einem jagdbaren Wild nachspürte und sie im Bild zur Strecke brachte. Nobilität – das war nicht nur zurückhaltender Abstand, sondern auch Haltung, die das Moment der Tradition und des Geistigen nicht verlieren wollte. Dies Moment der Durchdringung der festlich-sinnlichen Mittel der Malerei mit einem tiefen geistigen Anliegen erlebte Leo v. König auf einer Spanienreise 1908 angesichts der Bilder Grecos. Dies Erlebnis ließ ihn nie mehr los und hielt seinen Geist wach für das, was unter dem Ruf „Das Geistige in der Kunst“ sich in Deutschland nun revolutionär zu regen begann. Dies war es wohl auch, was ihn eigentlich zum Bildnismaler, der er Zeit seines Lebens blieb, machte. Denn im Bildnis ließ sich beides vereinen: – dies jägerhaft zu erfassende schimmernde, huschende Leben der Natur und die geistige Bedeutung des Dargestellten in seiner Zuständlichkeit.

Von seinem einmal gefundenen impressionistischen Ausgangspunkt ging v. König nicht ab, aber er hörte genau die Richtung jener Anrufe, die von der neuen modernen Malerei zu ihm drangen. Er nutzte sie auch, in seiner noblen Zurückhaltung: – das Visionäre der Naturschau des späten Corinth, die seelische Bedeutung der Farbenglut Noldes, die psychologische Tiefensicht der Mittel Kokoschkas. Er war ein tiefer Freund der Modernen. Als am Anfang des zweiten Jahrzehnts die junge Malerei die Hochburg des deutschen Impressionismus, die Berliner Sezession, zu erstürmen versuchte, stellte sich König entschlossen auf die Seite der Jungen und trat selbst, um ihrem Protest Gewicht zu geben, aus der Sezession aus. Mit Corinth zusammen sorgte er später, daß die Neue Sezession allen jungen Begabungen offenstand. Er war es, der mit seinem untrüglichen Geschmack jede neue Begabung aufspürte und förderte. Daß Staatspreise, Rompreise etwa, fortschrittlich vergeben wurden, war Königs Verdienst. Hätte ihn sein Herrentum nicht von jeder politisch-organisatorischen Tätigkeit abgehalten, er wäre ein idealer Beauftragter des staatlichen Mäzenatentums der deutschen Republik gewesen.

Dies alles nun wirkt in seiner Malerei zurück, hebt sie heraus aus dem Allerwelts – Impressionismus, der heute noch in Mode steht, gibt seinen Bildnissen die dokumentarische Kraft. Gewiß hat Leo v. König die Menschen der Gesellschaft gemalt, auch wie sie sich selbst gefielen, aber sein eigentliches Anliegen lag doch tiefer; es war ihm auch um den Menschen von heute zu tun; er wollte auch ihm ins Gesicht sehen, der der eigentliche Repräsentant unserer Zeit war. So malte er in den Zeiten ihres bittersten Verfolgtseins die Bildnisse von Barlach, von Nolde, von Marcks, – ein ganzes Pantheon mit Meyer-Gräfe, Binding, Schröder ... Und gerade diese Bildnisreihe ist nicht nur gute Malerei, sie ist das Ja-Sagen eines prachtvollen Menschen zu den Trägern des Geistigen einer Epoche, die zu wenig Noblesse hatte, als daß sein eigenes Herrentum es ihm erlaubt hätte, sich ihrer revolutionären und proletarischen Sprache selbst zu bedienen.