Das inoffizielle Europa ist dem offiziellen seit jeher um ein paar Längen voraus. Und das ist notwendig. Denn die europäischen Regierungen werden der Impulse einer von unten wachsenden Bewegung ständig bedürfen, um nicht auf halbem Wege haltzumachen; auch in Deutschland. Im. Hamburger Rathaus tagte über das Wochenende der erste ordentliche Kongreß der Europa-Union Deutschland. 130 Delegierte aus den Westzonen bemühten sich, den deutschen Standpunkt zur Europafrage auf eine Formel zu bringen, und da war es mehr als nur ein vielversprechender Auftakt, daß schon am ersten Tage einer der prominenten ausländischen Gäste, Professor Brugmans, (Holland) ihnen dafür das Stichwort gab: „Ein geeintes Deutschland in-einem geeinten Europa“.

Der Kongreß der Europa-Union wählte außerdem ein neues Präsidium, dem Dr. Eugen Kogon als Präsident, Professor Carlo Schmid und Minister Dr. Spieker als Stellvertreter angehören. Die einzelnen Ausschüsse lösten eine Reihe organisatorischer Schwierigkeiten und schließlich wurde in einer, mit großer Mehrheit angenommenen Resolution die baldige und uneingeschränkte Teilnahme Deutschlands an dem (offiziellen) Europarat in Straßburg gefordert. Vor allem aber wurde, wie auf allen Kongressen, gesprochen, viel gesprochen, und, abgesehen von einigen pathetischen Entgleisungen, wesentliches gesprochen. Miß Josephy (England), Ernst v. Schenk (Schweiz) und Bürgermeister Brauer, dessen Botschaft verlesen wurde, fanden Worte von wirklich europäischem Geist. Das bemerkenswerteste Referat hielt Professor Brugmans, Präsident der Union Europeenne des Fédéralistes. Die wichtigsten Punkte seiner Rede fanden ihren Niederschlag in den Entschließungen des Kongresses. Er wies auf die Aussichtslosigkeit der beiden bisherigen Möglichkeiten der europäischen Politik hin: Krieg oder Neutralität – sie liefen parallel zueinander und seien letzten Endes gleich große Illusionen. Die europäische Forderung heiße: Politische Selbständigkeit. Nur ein kräftiges, vereintes Europa könne dieses Ziel erreichen; aber auch nur ein kräftiges vereintes Europa könne überhaupt erfolgreich sein. Solange Westeuropa schlapp und defensiv bliebe, sei die sowjetische Gefahr groß, und für die Sowjets bestehe kein Grund, ihren Griff um den europäischen Osten zu lockern.

Die Europa-Union ist mit 18 000 Mitgliedern die größte Organisation europäischer Bestrebungen in Deutschland. Der deutsche Europa-Rat, der sich aus 250 repräsentativen europäisch gesinnten Deutschen zusammensetzen und dessen Stimme im Internationalen Rat der Europäischen Bewegung vollkommene Gleichberechtigung erfahren wird, konstituiert sich am 13. Juni in Wiesbaden. Dies aber hat schon der Kongreß in Hamburg gezeigt: Europa ist nicht mehr Utopie. Europa ist im Werden. Auch in Deutschland. C. J.