Wir haben eine Deutsche Partei. Dies wäre nur dann kein „weißer. Schimmel“, wenn wir bei uns etwa eine französische und eine britische Partei hätten, von der man sich unterscheiden müßte. Da es aber in Deutschland, abgesehen von der verbohrten Minderheit der Sowjethörigen, nur deutsche Parteien gibt, ist es höchst überflüssig, daß eine von ihnen sich als Deutsche Partei bezeichnet. Und wenn man etwa „deutsch“ sagt und damit „deutscher, am deutschesten“ meinen sollte, so wäre das nicht nur überflüssig, sondern anmaßend. Jede Steigerung ist hier eine Übersteigerung. Aber nun verhält es sich außerdem so, daß gerade diese Partei mit dem großen Namen nur eine kleine Heimat hat. Früher, als sie noch genügsam war, nannte sie sich Niedersächsische Landespartei. In Niedersachsen ist sie als eine typische Regionalpartei entstanden, anknüpfend an die alte hannoveranische Staatstradition. Sie ist auch bisher nur im niedersächsischen Landtag vertreten und außerdem durch ein einsames Mitglied der Hamburger Bürgerschaft, das von der CDU zu ihr übertrat.

Was treibt diese Niedersachsenpartei als „Deutsche Partei“ in Gegenden, in denen ein welfischer Weizen nicht blühen kann? Nun, gerade in letzter Zeit haben wir in Hamburg und im holsteinischen Segeberg sehr unliebsame Proben dieser Expansion gehabt. In der Hamburger Bürgerschaft beklagte der Abgeordnete Becker – eben jener von der CDU zur DP Übergetretene –, daß im Parlamentarischen Rat die ehemaligen Nazis nicht vertreten gewesen seien. Er sagte das in der Sitzung, in der Hamburg das Bonner Grundgesetz annahm. Und er hielt es für geschmackvoll, bei dieser: Gelegenheit provokatorisch die neuen Bundesfarben als „schwarz-rotgelb“ zu bezeichnen. Der Abgeordnete Becker bestritt nachher jede beleidigende Absicht. Die nationalistische Absicht kann er jedenfalls nicht bestreiten, Ein anderer Vertreter der Deutschen Partei namens Wonnerow hatte kurz zuvor in Bad Segeberg erklärt: „Wenn Ministerpräsident Lüdemann zu den Leuten des 20. Juli gehört, ist er für mich ein Schweinehund, und ich hätte ihn als Offizier – wenn ich ihn bekommen hätte – standrechtlich erschießen lassen.“ Wonnerow bezeichnete alle Männer des 20. Juli als Verbrecher, die der kämpfenden Truppe in den Rücken gefallen seien. Da haben wir ihn: den geliebten alten Dolchstoß, bevorzugtes Inventarstück des Nationalismus.

Die Deutsche Partei beeilte sich, ihr Mitglied Wonnerow von sich abzuschütteln. Es wäre besser, wenn sie auch ihren Namen abschütteln und sich als Niedersächsische Landespartei wieder in ihre engeren Landesgrenzen zurückziehen würde. Der neue Name und die Expansion sind ihr schlecht bekommen. Und das hat tiefere Gründe. Da gibt es ja neuerdings auch eine Deutsche Rechtspartei, die in der Wolfsburger Gegend „zackige“ Erfolge verzeichnet hat. Es scheint ein politisches Geschäft zu sein, an bisherige Nichtwähler und vermeintlich locker sitzende CDU-Wähler mit radikalen Rechtstönen zu appellieren. Hier rächt sich die Umerziehung, in deren Zeichen das Parteileben nach dem Zusammenbruch begann. Damals duldete man zwar eine extreme Linkspartei, aber überhaupt keine Rechtspartei. Rechts von der CDU wurde nichts zugelassen, aber rechts von der CDU gab es noch eine beträchtliche politische Wirklichkeit. Seitdem; fehlte eine legitime Rechtspartei in Deutschland. Und gerade dadurch züchtete man, was man verhindern wollte: den Nationalismus. Die späteren Neugründungen rechts von der CDU rechnen nicht mehr mit natürlichen, sondern bereits mit verkrampften politischen Empfindungen. Es bedarf einer erheblichen Umsicht und Behutsamkeit, um jetzt noch die offensichtliche Lücke in der deutschen Politik zu schließen. Im Stile von Becker und Wonnerow geht das ganz gewiß nicht. Die falschen Töne von rechts sind ein Warnungszeichen für alle. Fr.