Am 17. Mai d. J. fand im XX. New Yorker Wahlbezirk eine Ersatzwahl für das Repräsentantenhaus statt. Diese Wahl war bedingt durch den Tod des bisherigen demokratischen Abgeordneten Bloom, der seit 1923 in ununterbrochener Reihenfolge von seinen Wählern in das Repräsentantenhaus entsandt worden war. Im allgemeinen ist das Interesse der öffentlichkeit an derartigen Ersatzwahlen gering. Die führende Partei des Wahlbezirks bestimmt einen ihr genehmen Kandidaten, der dann meistens, nach einem matten Wahlkampf bei schwacher Wahlbeteiligung gewählt wird.

In einem solchen oder ähnlichen Rahmen hätte sich auch die Ersatzwahl in dem sicheren demokratischen XX. Bezirk vollzogen, wenn sich nicht zur Überraschung und zum Mißvergnügen von Tammany Hall der demokratischen Parteimaschine in New York, der dritte Sohn des verstorbenen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt, der die gleichen Vornamen wie sein Vater hat, um die Aufstellung als Kandidat der demokratischen Partei beworben hätte. Seine Bewerbung wurde abgelehnt mit der Begründung, er sei zwar „ein netter Junge“, aber als Nachfolger für den alten Bloom käme nur ein alteingesessener. verdienstvoller Demokrat des Bezirks in Frage. Der junge Franklin D. Roosevelt – er ist jetzt 34 Jahre alt – beschloß daraufhin, als „Unabhängiger“ zu kandidieren. In kürzester Zeit hatte er ein Mehrfaches der hierfür erforderlichen 3000 Unterschriften erhalten. Es Folgte ein selbst für amerikanische Begriffe harter Wahlkampf, der sich in der Hauptsache zwischen dem von Tammany aufgestellten demokratischen Kandidaten, Richter Shalleck, und dem „liberalen“ Demokraten Roosevelt abspielte. Es gab also gewissermaßen einen demokratischen Bruderkampf, in welchem jeder Demokrat des XX. Wahlbezirks zu einer persönlichen Stellungnahme gezwungen wurde.

Dem jungen Roosevelt wurde ein ganzes Sündenregister vorgehalten, angefangen von der Tatsache, daß er sich öffentlich gegen eine Aufstellung Trumans als Präsidentschaftskandidat der demokratischen Partei ausgesprochen und an der Präsidentenwahl nicht beteiligt hätte, bis zu Vorhaltungen wegen seiner zerrütteten Ehe, die inzwischen geschieden worden ist. Dem nicht ungefährlichen Angriff, er könne für den XX. Distrikt nicht kandidieren, weil er seinen Wohnsitz außerhalb des Bezirks habe, begegnete er durch sofortigen Umzug in seinen Wahlbezirk. Und dieser Bezirk entschied sich am 17. Mai mit einer großen Mehrheit für den jungen FDR, der mehr Stimmen erhielt als für seine drei Gegner insgesamt abgegeben wurden.

Damit hat FDR jun. einen beachtlichen Start in das politische Leben gemacht. Er verdankt seine Wahl keiner Partei, auch keiner besonderen Förderung von irgendeiner Seite, sondern seiner eigenen Initiative und last not least dem Namen seines Vaters, dem er von seinen drei Brüdern am ähnlichsten sieht.

Die Demokraten des Repräsentantenhauses, denen er sich angeschlossen hat, werden den jungen Rechtsanwalt – von den 530 Kongreßabgeordneten sind übrigens 301 Rechtsanwälte – um so lieber in ihre Reihen aufnehmen, als er sich in seinen Wahlreden zu dem Fair Deal Trumans und damit zu einer Fortsetzung des New Deal seines Vaters bekannt hat.

Die innerpolitische Bedeutung seiner Wahl liegt in der schweren Niederlage der New Yorker Tammany Hall, die nicht ohne Rückwirkung auf die im Herbst stattfindende Wahl des New Yorker Oberbürgermeisters bleiben wird. Der Demokrat Mayor O’Dwyer, der dieses Amt innehat, beabsichtigt, sich als unabhängiger Kandidat gegen Tammany aufstellen zu lassen. Die Wahl Roosevelts wird ihn in dieser Absicht bestärken. E. K.