Ägypten als Antiquitätenfriedhof und der Nachlaß des Herrn Ti

Von C. W. Ceram

Als erste Folge einer größeren Veröffentlichung aus dem in Kürze im Rowohlt-Verlag erscheinenden Buch von C. W. Ceram „Götter, Gräber und Gelehrte“ brachten wir in unserer vorigen Nummer („Die Zeit“ Nr. 20 vom 19. Mai) die Lebens- und Schaffensgeschichte von François Champollion zum Abdruck. Ihm verdankt die Welt, daß die Hieroglyphen, jene geheimnisvolle Schrift der alten Ägypter, heute gelesen und auch geschrieben werden können. Gleichzeitig gab er damit der Archäologie den Schlüssel zum Tor einer versunkenen Kultur in die Hand, deren Auffinden im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wie die Story eines erregenden Abenteurerromans verlief. Den Buch von C. W. Ceram werden wir im folgenden die markantesten Etappen auf dieser Suche nach den Spuren der Geschichte Ägyptens entnehmen. – Unsere heutige Fortsetzung beginnt mit der Schilderung der Sammlertätigkeit des Italieners Belzoni, von dessen Umwegen zur Archäologie bereits in unserer letzten Ausgabe die Rede war.

Belzonis nächste Jahre sind ausgefüllt mit Sammeln. Er sammelte alles, was ihm unter den Spaten kam, vom Skarabäus bis zum Obelisken. (Ein Obelisk fiel ihm beim Transport in den Nil; er fischte ihn wieder heraus.) Er tat das zu einer Zeit, da in Ägypten, nun bekannt geworden als der ungeheuerste Antiquitätenfriedhof, den es auf der Welt gab, planlos und wahllos geräubert wurde und niemand zögerte, das antike Gold mit den Goldgräbermethoden zu erobern, die zwei Jahrzehnte später in Kalifornien und Australien der Eroberung des natürlichen Goldes galten. Gesetze gab es nicht oder sie wurden nicht beachtet, und mehr als einmal wurden Meinungsverschiedenheiten mit der Flinte ausgetragen.

Konnte es wundernehmen, wenn die Sammelleidenschaft, die allein aufs Objekt ausging und nicht auf die Erkenntnis, mehr zerstörte als entdeckte, mehr Schaden anrichtete als Wissen vermittelte? Auch Belzoni, der trotz seines abwechslungsreichen Vorlebens Zeit gefunden hatte, sich einiges Fachwissen anzueignen, kannte in seiner Gier kein Hindernis. Er sprengte die versiegelten Grabkammern mit einem Sturmbock! Man muß jedoch Belzoni als Kind seiner Zeit betrachten. Außerdem hat er zwei Dinge in großem Maßstab getan, die die ersten Glieder einer noch nicht abgerissenen Kette von archäologischen Untersuchungen werden sollten.

Im Oktober 1817 entdeckte Belzoni im Tal von Biban-el-Muluk bei Theben neben anderen Gräbern das Grab Sethos I., das hundert Meter lange Grab des Vorgängers des großen Ramses, des Besiegers der Lybier, Syrer und Hettiter. Der herrliche aber leere Alabastersarg, den er dabei fand, befindet sich heute im Soane-Museum in London. Mit dem Aufdecken dieses Grabes begannen die wichtigen Funde im „Tal der Könige“, die ihren Höhepunkt erst in unserem Jahrhundert haben sollten! Und ein halbes Jahr später, am 2. März 1818, öffnete der Italiener, wie noch heute eine Inschrift über dem Eingang dem Besucher sagt, die zweite Pyramide von Gizeh, die Pyramide des Chefren, und stieß bis in die Grabkammer vor! Mit diesen ersten Untersuchungen begann er die Wissenschaft von den Pyramiden, von den gewaltigsten Bauwerken der alten Welt, und aus dem Dunkel der ägyptischen Frühzeit lösten sich innerhalb der riesigen geometrischen Aufrisse die ersten menschlichen Züge.

Jahrtausende werden durchstöbert