Insel tausendjähriger Demokratie

„Island, das beste Land auf Erden“

Von Erika Müller

220 deutsche Mädchen möchte die isländische Regierung zu einem zweijährigen Landdienst nach Island verpflichten. Die Ausreise soll sofort, wahrscheinlich von Hamburg aus, erfolgen. Beim isländischen Vizekonsul in Lübeck, der die Bewerbungen entgegennimmt, haben sich bisher etwa 110 Mädchen gemeldet.

Godafoss“ (Goldfall), „Dettifoss“ – nach ihren großartigen, mächtigen Wasserfällen heißen die isländischen Schiffe, die die Verbindung mit dem europäischen Kontinent und den britischen Inseln halten. Wenn sie sich der Felseninsel nähern, bemächtigt sich regelmäßig der an Bord befindlichen Isländer so etwas wie Andacht und unbändiges Glücksgefühl zugleich. Sie alle streben der Bordseite zu, die der Küste zugewandt ist, so daß man fast befürchtet, so ein kleiner Fünftausendtonner könnte Schlagseite bekommen, und zärtlich-krachende Worte wie „Island er bezta land in heminin“ (Island ist das beste Land der Welt) bringen sie den Fremden bei. Man sagt, die Isländer reisen gern, nur weil sie immer wieder diesen Augenblick der Heimkehr genießen wollen.

Da die Insel am Rande der Welt liegt, ist allgemein nicht viel mehr über sie bekannt, als im Lexikon steht: Thule ... Sagas ... Brunhilde ... Land der Gegensätze – Eis und Feuer ... Vulkan inmitten mächtiger Gletscher ... größer als Irland ... keine Eisenbahn ... Heiße Quellen heizen die Hauptstadt Reykjavik. Und wenn das Lexikon up to date ist: Flugstützpunkt ... gehört dem Atlantikpakt an ...

Uniformen sind verpönt

Wer wohnt denn dort: Eskimos, Eingeborene? Kürzlich hat ein deutscher Sportler, dem die französische Besatzungsmacht aus einem Internierungslager heraus Urlaub auf Ehrenwort nach Island erteilt hatte, sich so geäußert –: auf die Dauer könne man als Mitteleuropäer dort wohl schwerlich leben. Nun, ich kenne glückliche isländische Ehefrauen, die in Hamburg und Leipzig geboren sind und sich in Reykjavik und Akureyri glücklich fühlen.

Insel tausendjähriger Demokratie

Es ist ein Vergnügen, mit Isländern zu leben. Sie sind vielleicht mehr Mensch als andere Menschen. Sie waren es, die ihre Besatzungsmächte, Engländer und Amerikaner im Kriege bewillkommneten, zur selben Zeit, als die Deutschen in Dänemark und Norwegen einrückten; sie waren es auch, die das erste deutsche Schiff nach dem Krieg, als es in ihren Gewässern Schaden erlitt, mit Liebe empfingen, Geschenke herbeischleppten und Spenden sammelten. Und sie waren vor dem Krieg, als ich mich lange bei ihnen aufhielt, ohne Argwohn gegen die Deutschen. Schockiert waren sie allerdings durch den Uniformrummel in Deutschland, den sie ans Bildern der Zeitschriften kannten. Sie konnten es nicht verstehen, daß Menschen freiwillig ein und dasselbe Kostüm anzogen. Sie bedauerten selbst ihre Polizisten wegen der Uniformen. Ob ihre Besatzungstruppe sie eines Besseren belehrt hat?

Da sie schon vor tausend Jahren Demokraten waren und ihren Allthing hatten, als man sich woanders noch in blutigem Durcheinander die Köpfe einschlug, sehen sie heute dem Welttheater von dem Olymp ihrer Insel aus teils gelassen, teils verwundert zu. Sie bleiben kühl, solange sie nicht für ihre eigene Freiheit fürchten müssen. Freiheit – sie geht ihnen über alles; sie sind fanatische Individualisten.

1944 gelang es ihnen, die Personalunion mit Dänemark endgültig zu lösen. 1947 brachten sie es fertig, die amerikanische Besatzungsmacht hinauszukomplimentieren, die Briten waren schon zuvor gegangen. Die Isländer übernahmen Keflavik, einen der modernsten und größten Flugplätze nicht weit von ihrer Hauptstadt, sie übernahmen die eleganten amerikanischen Autos, und alle Mädchen tragen Nylonstrümpfe. In Reykjavik pulst das Leben; in Reykjavik wird getanzt (they prefer jazz), getrunken und heiß geliebt. Mehr als 50 000 von den etwa 130 000 Bewohnern der Insel sind nach Reykjavik geströmt. Und seit dem Krieg waren es 15 000 Personen, die magnetisch von der Hauptstadt angezogen wurden. Da stehen neben den altisländischen grasgedeckten Wellblech- und Holzhäusern pompöse Villen und Betonbauten, aus denen wie Spazierstockkrücken die gekrümmten Eisenhaken ragen, als sollten die Häuser am Himmel aufgehängt werden; halbfertige Bauten, denn es könnte sein, daß man im nächsten Jahr eine neue Etage aufstocken muß. Es herrscht etwas wie Goldgräberatmosphäre in dieser Stadt, hektisch, fiebrig. Aber der Reichtum dieser Insel ist nicht golden, sondern silbrig: Fische sind es. Manchmal sind die Heringsschwärme so dich:, daß sie an der Wasseroberfläche silbern sich drängen. – Reykjavik wird heute weit ferngeheizt durch heiße Quellen. Es gibt offene warme Schwimmbäder (obwohl die sommerlichen Höchsttemperaturen von etwa 22 Grad nicht gerade unbedingt zum Baden im Freien locken), und nicht weit von der Stadt kocht und brodelt es aus der Erde. So hat man im weiten Umkreis ein unterirdisches Röhrensystem gezogen, um die Erde zu erwärmen und Gemüse im Freien züchten zu können. Und in den großzügigen Glashallen erntet man ohnehin alles, was zwischen Hamburg und Algier wächst.

Das Telefon als Brücke zur Welt

Im Zeitraffertempo ist in Island eine Entwicklung vor sich gegangen, für die andere Länder Jahrzehnte brauchten. Ganze Epochen ließ Island aus, so etwa das bürgerliche Zeitalter. Die Isländer sind weltoffen, ohne Vorurteile, fast ohne Klassenunterschiede, modern und mondän im Lebensstil. Sie sprangen vom kraftvollen Islandpony in den hochbeinigen Ford und darauf ins Flugzeug. Feste Straßen zwar gibt es kaum, nur wenige Brücken führen im Innern der Insel über die reißenden milchweißen Gletscherflüsse; aber Island hat prozentual die meisten Telefone. Auf einem der entlegensten-Höfe im Innern des Landes, der wie eine Oase inmitten der erstarrten Lavafelder und der aus der Ebene herausragenden wundersamen schwefelgelben und rostroten Bergen lag, habe ich erlebt, mit welchem Genuß Menschen telefonieren können. Den ganzen Tag rasselte der Apparat, und die ganze zehnköpfige Familie einschließlich der zwei Pflegekinder machte sich ein Vergnügen daraus, lange und offenbar sehr aufmunternde Gespräche zu führen. Nun, da auch das Flugzeug gelegentlich vor der Tür hält, ist die Verbindung mit der Welt – und die Welt heißt Reykjavik – leicht. Sollte eines der deutschen Mädchen, die jetzt nach Island gehen, gerade auf diesen Hof kommen, so wird es vielleicht gelegentlich ein wenig Sächsisch lernen können, denn ein Sohn des Hauses hatte sein Deutsch vom regelmäßigen Besuch der Leipziger Messe mitgebracht. Es wird sich dort vielleicht auch dänisch oder englisch verständigen, denn diese Bauern sind die gebildetsten in Europa. (Und die Isländer legen Wert darauf, zu Europa zu gehören.) In den dunklen, langen Wintermonaten – schon Ende August fällt der erste Schnee – werden wunderschöne alte Lieder gesungen und viele Bücher gelesen.

Akureyri, die zweitgrößte Stadt, ist als Reiseziel der Isländer beliebt wegen des nur wenige Stunden entfernten einzigen Waldes dieser fast baumlosen Insel, einer Ansammlung zarter kleiner Birken, über die man vom Rücken des Islandpferdchens aus fast hinwegsehen kann. Auch hier an der Nordküste hat der Golfstrom die Freundlichkeit, vorbeizufließen und ein wohltemperiertes Klima mit sommerlichen und winterlichen Durchschnittstemperaturen von plus und minus acht Grad zu erzeugen.

Eine andere, etwas eigenartige Berühmtheit hat Akureyri sich durch den Geruch erworben:, er rührt her von der großen Heringsölfabrik, die an dem malerischen Fjord liegt. Aber die Isländer

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sind begabte Geschäftsleute, und der Geruch sagt ihnen nur, daß „ihre“ Fabrik auf Hochtouren läuft. – Noch eine Berühmtheit sah ich hier, die auf mich noch mehr Eindruck machte als das nächtliche Erdbeben, das mein Bett von der Wand rückte: Es war ein wohlbeleibter, soignierter Herr, der auf der Geschäftsstraße promenierte und mir als besondere Sehenswürdigkeit erklärt wurde. Er war nämlich der einzige Strafgefangene und hätte eigentlich in dem halbverfallenen Gebäude mit den zerbrochenen Fenstern sitzen sollen, das „Gefängnis“ hieß. Aber da Fluchtverdacht nicht bestand – wohin sollte er schon fliehen auf dieser Insel, wo alle Leute so gut wie miteinander verwandt sind –, ließ man ihn spazierengehen und über seine Sünden (Geldunterschlagungen) nachdenken. Der Lebensstandard dieser Insel ist hoch. Die prosperity hat im Kriege sehr zu-, wenn auch inzwischen wieder abgenommen, und kriminelle Verbrechen gab es seit 1928 nicht mehr.

Man kennt einander ...

Alle Italiener singen, alle Deutschen sind schuldig, und alle Isländer heißen David. Wenn sie nicht andere biblische Namen tragen (oder ganz nordische). Familiennamen sind ein Luxus, den sich nur wenige leisten. Üblich ist es, daß Söhne und Töchter den Vornamen des Vaters mit angehängtem son oder dottir tragen. Es kann so in manchen Familien durch Generationen einen Sohn etwa mit Namen Jacob Jacobson geben. Verwechslungen finden nicht statt. Man kennt einander ja ...

Hjördis Olafsdottir war eines der schönsten Mädchen von Reykjavik, sie hatte einen der reichsten Männer der Insel zum Vater und leitete selbst einen kosmetischen Salon. Am Nachmittag pflegte man sie im komfortablen Hotel „Borg“ beim Tee zu treffen, parlierend, selbstbewußt. Sie studierte damals gerade Lenins und Stalins Werke und maß sich im Rededuell mit den politischen Gegnern ihres Vaters. Isländer lieben das Streitgespräch; sie sind redegewandt und schlagfertig und von sarkastischem Humor. Nicht die bildende Kunst, nicht die Musik, die Sprache ist ihr eigentliches Kunstmittel seit den Tagen der „Edda“. Sie hat sich seitdem fast unverändert erhalten und hat, wie die arabische Sprache, die Fähigkeit, alle Fremdworte, auch die der modernen Technik, in eigenen Wortbildern wiederzugeben. Das Selbstbewußtsein der Isländer wird sehr stark dadurch bestimmt, daß sie Besitzer der ältesten früheuropäischen Dichtung sind.

Diese „Einsiedler im Atlantik“, wie sie sich mit koketter Ironie gern nennen, haben nachweisbar lange Ahnenreihen, ohne Gebrauch davon zu machen. Aber nicht, weil sie alle adlig sind, haben sie kein Proletariat, sondern weil sie ein natürliches Gefühl des Stolzes auf die Handarbeit haben, mit der sie nicht nur ihren Reichtum aus dem Meer gewinnen. Auch für die führenden Männer des Landes, die im Parlament, im Rundfunk, an der Universität rund um das Denkmal des ersten Amerikaentdeckers Leif Erikson residieren, war es noch immer natürlich, gelegentlich mit Mauerkelle oder Heurechen umzugehen, nicht aus Popularitätssucht, sondern weil das jeder tut und tun kann.

Einsiedler im Atlantik zu sein, in dieser grandiosen einsamen Natur, im Farbenrausch der Mitternachtssonne oder unter dem unruhigen, irrisierenden Flackern des Nordlichtes – das bedeutet ein Leben, das noch frei ist von Organisation, Militarismus, Vermassung, Lebensangst und der ganzen Skala der Schlagworte unseres Zivilisationselends. Das alles gibt es im Isländischen nicht einmal dem Worte nach ...

Island er bezta land i heminin? Alle Isländer sagen ja.