Es ist ein Vergnügen, mit Isländern zu leben. Sie sind vielleicht mehr Mensch als andere Menschen. Sie waren es, die ihre Besatzungsmächte, Engländer und Amerikaner im Kriege bewillkommneten, zur selben Zeit, als die Deutschen in Dänemark und Norwegen einrückten; sie waren es auch, die das erste deutsche Schiff nach dem Krieg, als es in ihren Gewässern Schaden erlitt, mit Liebe empfingen, Geschenke herbeischleppten und Spenden sammelten. Und sie waren vor dem Krieg, als ich mich lange bei ihnen aufhielt, ohne Argwohn gegen die Deutschen. Schockiert waren sie allerdings durch den Uniformrummel in Deutschland, den sie ans Bildern der Zeitschriften kannten. Sie konnten es nicht verstehen, daß Menschen freiwillig ein und dasselbe Kostüm anzogen. Sie bedauerten selbst ihre Polizisten wegen der Uniformen. Ob ihre Besatzungstruppe sie eines Besseren belehrt hat?

Da sie schon vor tausend Jahren Demokraten waren und ihren Allthing hatten, als man sich woanders noch in blutigem Durcheinander die Köpfe einschlug, sehen sie heute dem Welttheater von dem Olymp ihrer Insel aus teils gelassen, teils verwundert zu. Sie bleiben kühl, solange sie nicht für ihre eigene Freiheit fürchten müssen. Freiheit – sie geht ihnen über alles; sie sind fanatische Individualisten.

1944 gelang es ihnen, die Personalunion mit Dänemark endgültig zu lösen. 1947 brachten sie es fertig, die amerikanische Besatzungsmacht hinauszukomplimentieren, die Briten waren schon zuvor gegangen. Die Isländer übernahmen Keflavik, einen der modernsten und größten Flugplätze nicht weit von ihrer Hauptstadt, sie übernahmen die eleganten amerikanischen Autos, und alle Mädchen tragen Nylonstrümpfe. In Reykjavik pulst das Leben; in Reykjavik wird getanzt (they prefer jazz), getrunken und heiß geliebt. Mehr als 50 000 von den etwa 130 000 Bewohnern der Insel sind nach Reykjavik geströmt. Und seit dem Krieg waren es 15 000 Personen, die magnetisch von der Hauptstadt angezogen wurden. Da stehen neben den altisländischen grasgedeckten Wellblech- und Holzhäusern pompöse Villen und Betonbauten, aus denen wie Spazierstockkrücken die gekrümmten Eisenhaken ragen, als sollten die Häuser am Himmel aufgehängt werden; halbfertige Bauten, denn es könnte sein, daß man im nächsten Jahr eine neue Etage aufstocken muß. Es herrscht etwas wie Goldgräberatmosphäre in dieser Stadt, hektisch, fiebrig. Aber der Reichtum dieser Insel ist nicht golden, sondern silbrig: Fische sind es. Manchmal sind die Heringsschwärme so dich:, daß sie an der Wasseroberfläche silbern sich drängen. – Reykjavik wird heute weit ferngeheizt durch heiße Quellen. Es gibt offene warme Schwimmbäder (obwohl die sommerlichen Höchsttemperaturen von etwa 22 Grad nicht gerade unbedingt zum Baden im Freien locken), und nicht weit von der Stadt kocht und brodelt es aus der Erde. So hat man im weiten Umkreis ein unterirdisches Röhrensystem gezogen, um die Erde zu erwärmen und Gemüse im Freien züchten zu können. Und in den großzügigen Glashallen erntet man ohnehin alles, was zwischen Hamburg und Algier wächst.

Das Telefon als Brücke zur Welt

Im Zeitraffertempo ist in Island eine Entwicklung vor sich gegangen, für die andere Länder Jahrzehnte brauchten. Ganze Epochen ließ Island aus, so etwa das bürgerliche Zeitalter. Die Isländer sind weltoffen, ohne Vorurteile, fast ohne Klassenunterschiede, modern und mondän im Lebensstil. Sie sprangen vom kraftvollen Islandpony in den hochbeinigen Ford und darauf ins Flugzeug. Feste Straßen zwar gibt es kaum, nur wenige Brücken führen im Innern der Insel über die reißenden milchweißen Gletscherflüsse; aber Island hat prozentual die meisten Telefone. Auf einem der entlegensten-Höfe im Innern des Landes, der wie eine Oase inmitten der erstarrten Lavafelder und der aus der Ebene herausragenden wundersamen schwefelgelben und rostroten Bergen lag, habe ich erlebt, mit welchem Genuß Menschen telefonieren können. Den ganzen Tag rasselte der Apparat, und die ganze zehnköpfige Familie einschließlich der zwei Pflegekinder machte sich ein Vergnügen daraus, lange und offenbar sehr aufmunternde Gespräche zu führen. Nun, da auch das Flugzeug gelegentlich vor der Tür hält, ist die Verbindung mit der Welt – und die Welt heißt Reykjavik – leicht. Sollte eines der deutschen Mädchen, die jetzt nach Island gehen, gerade auf diesen Hof kommen, so wird es vielleicht gelegentlich ein wenig Sächsisch lernen können, denn ein Sohn des Hauses hatte sein Deutsch vom regelmäßigen Besuch der Leipziger Messe mitgebracht. Es wird sich dort vielleicht auch dänisch oder englisch verständigen, denn diese Bauern sind die gebildetsten in Europa. (Und die Isländer legen Wert darauf, zu Europa zu gehören.) In den dunklen, langen Wintermonaten – schon Ende August fällt der erste Schnee – werden wunderschöne alte Lieder gesungen und viele Bücher gelesen.

Akureyri, die zweitgrößte Stadt, ist als Reiseziel der Isländer beliebt wegen des nur wenige Stunden entfernten einzigen Waldes dieser fast baumlosen Insel, einer Ansammlung zarter kleiner Birken, über die man vom Rücken des Islandpferdchens aus fast hinwegsehen kann. Auch hier an der Nordküste hat der Golfstrom die Freundlichkeit, vorbeizufließen und ein wohltemperiertes Klima mit sommerlichen und winterlichen Durchschnittstemperaturen von plus und minus acht Grad zu erzeugen.

Eine andere, etwas eigenartige Berühmtheit hat Akureyri sich durch den Geruch erworben:, er rührt her von der großen Heringsölfabrik, die an dem malerischen Fjord liegt. Aber die Isländer