Zunächst ist festzustellen: Es ist schlimm, wenn dem Zuschauer angesichts so vieler klassisch verbrämter Verse unentwegt nur jener Satz vor dem geistigen Auge steht, mit dem das zweite Buch der Ilias beginnt: „Die anderen schliefen, nur Zeus nicht!“ – Weiterhin ist – beachtlich, wenn der anfangs aufgeschlossene Betrachter in seinen Gedanken folgendermaßen abzuirren beginnt: Erstaunlich ist der Fortschritt, den sie in der Erzeugung künstlicher Morgen- und Abendröte erzielt haben. Phänomenal sind weiterhin die Exaktheit und die Wucht, mit denen ein Gewitter nebst Wind naturgetreu vorgeführt werden kann. Selbst der immer wache Zeus, der Göttervater, hätte vor Neid erblassen müssen vor so viel grandiosem Donner. Was beweisen aber solche Abirrungen der Gedanken? Sie bezeugen, daß die Verse „nicht ankommen“, daß die Erschütterung als Element der Tragödie nicht wirksam wird.

Hans Schwarz, der Dichter dieser „Iphigeneia in Aulis“, kriecht in antike Gewänder und die in Verbindung mit Iphigenie bekannten Gestalten, um vage gewisse „aktuelle Bezogenheiten“ über Krieg und Frieden, über Mann und Frau, über Haß und Liebe in vielen Versen zu sagen. Auch über die Beziehungen zwischen Mensch und Gott wird meditiert. Auch Chöre sind da, und eine Musik, die die Höhepunkte untermalt, ist ebenfalls aufgeboten. Selbst ein Harmonium wird bemüht. Abgesehen von sämtlichen möglichen Lichteffekten, die ein großes Theater zu erzeugen fähig ist, und die alle Dienst haben! Und man grübelt vergeblich nach, was an Stimmung erzeugenden Mitteln noch „zum Einsatz“ gebracht werden könnte. Alle Register sind gezogen. Aber es entsteht keine „Stimmung“, geschweige denn Erschütterung.

Alles an dieser Aufführung des Lübecker Stadttheaters (Inszenierung: Hans Schüler) erweckte den Eindruck der großen Zufälligkeit. Es wird außerdem nicht „gespielt“, sondern es wird eiskalt die ganze Apparatur inklusive Vers-Hersagern „zum Einsatz gebracht“.

Es wäre unfair, zu verschweigen, daß die Darsteller sich redlich bemühten. Aber es half ihnen niemand, weder der Dichter, noch der Regisseur, noch die Scheinwerfer. N.