Die vielbesprochene Krise im Nordwestdeutschen Rundfunk ist gar keine Krise. Sie ist vielmehr ein nahezu klassischer Skandal – mit. vielem Klatsch, persönlichen Intrigen und einem Schuß Sensation. Bisher wollen zwar die gräßlichsten Behauptungen noch nicht verstummen. „Das Telefon wird abgehört“, so flüstern die einen, „es ist klar, man verfolgt rein politische Ziele“, „Sekretärinnen erhalten 1 000 Mark“, stimmen die anderen, „man vergeudet das Volksvermögen,“ Und doch darf man gewiß sein, daß bald wieder. Ruhe im NWDR einkehren wird. Wer im Glashaus sitzt, darf sich auf die Dauer nicht erlauben, den Splitter im Auge des Nächsten zu suchen. Einer angeblichen brieflichen Anweisung. an Hannover, wie der Sprecher einer Partei auszuwählen sei, kann prompt von der Gegenseite die mehrfache Umarbeitung eines Hörspiels entgegengehalten werden, dessen Honorierung zwar mehrere Autoren glücklich machte, das aber dennoch nie gesendet wurde. Allzu viele Flecken, sind auf allzu vielen Westen. Wer hätte gedacht – daß der andere sie alle sehen kann? Wer möchte sie nun, nach dieser Erkenntnis noch zählen? Und gar in der Öffentlichkeit? Das Schicksal aller Skandale droht auch dem NWDR: man wird Kompromisse suchen müssen. Vorerst allerdings ist noch jedermann unzufrieden. Die Leute vom Bau, weil reichlich viel Staub durch die Türen des Hauses an die Öffentlichkeit gedrungen ist; die Öffentlichkeit, weil sie brennend gern noch mehr Intimitäten hören möchte.

Vorsorgliche Kündigungen, so hießen die Entlassungen am 15. Mai, die, offiziellen Verlautbarungen zufolge „Überbesetzungen und Übergehälter“ beseitigen sollten. Nach Ansicht der Betroffenen und mancher Beobachter, sollte die Aktion jedoch aus dem bisherigen Rundfunk für die Zukunft eine Behörde machen; aus seinen Angestellten gefügige Beamte, mit „soldatischer Disziplin“. Das eine braucht nicht unwahr zu sein, weil das andere wahr ist. Es scheint in der Tat, als ob im NWDR die Bürokratie über den Geist gesiegt hätte. Das spricht nicht für die Bürokratie. Aber gegen den Geist. Vielleicht hätte er seit 1945 doch einen geraderen Weg beschreiten können.

Über alles dies nun wird von allen Seiten alles Mögliche als alles umfassende Wahrheit berichtet. Feststeht, abgesehen von dem erstaunlichen Maß an Taktlosigkeit, das an den Tag gelegt worden ist, vorläufig nur eines: das Niveau des NWDR-Programms sinkt nach Ansicht vieler Hörer von Woche zu Woche. C. J.