Die Entzauberung der Könige ist im unserer Zeit so gut wie vollendet worden. Und doch haben die Völker sich noch nicht daran gewöhnt, ihre Souveräne mit einfachen menschlichen Maßstäben zu messen. Ob die Könige selbst sich soweit entzaubert vorkommen, hängt davon ab, ob der einzelne den modernen Menschen und den unmodernen König auch heute noch harmonisch in sich vereinen kann.

Dem König der Belgier hat es das Schicksal nicht leicht gemacht, diese Synthese zu finden. Wäre er damals im Jahre 1941 der Bitte seiner Regierung gefolgt und mit ihr ins Exil gegangen, jann gäbe es heute in Belgien kein Königspro, blem, und bei ihm kein menschliches. Aber damals Schien ihm die geschichtliche Stunde zu groß und km dramatisch, um politisch taktische Überlegungen anzustellen. Damals verlor er als Politiker und König, aber er siegte als Mench, der seine Kameraden im Unglück nicht allein läßt. Er nahmdie Gefangenschaft und eine damals gar nicht zu übersehende Menge möglicher Demütigungen auf sich, um seinen Auffassungen von Menschentum entsprechend zu handeln.

Niemand wird heute in der Lage sein, ihn davon zu überzeugen, daß er nach höheren Gesichtspunkten mit dieser Entscheidung eine Schuld auf sich geladen habe. Und hier liegt der tragische Konflikt: Ein Mensch im Alltag, der von seiner Umgebung mißverstanden, angegriffen, und abgelehnt wird, zieht sich zurück und schafft sich eine andere Umwelt, die ihn besser versteht. Ein König hängt wie ein Glied in der Kette der Generationen und kann diese Bindungen nicht einfach lösen. Soll nun der König in Leopold III. das Recht erzwingen, an das er unverändert glaubt, damit aber den Menschen Leopold in eine Umwelt zurückversetzen, von der ein beachtlicher Teil ihn ablehnt?

Alles, was man aus der Lebensgeschichte des jetzt 48jährigen weiß, deutet darauf hin, daß in der heutigen Lage der Mensch in ihm die Entscheidung treffen und ihn zugunsten eines glücklichen und sorglosen Privatlebens zur Übergabe der Krone an seinen 18jährigen Sohn bestimmen würde. – Aber das Gegenteil ist der Fall. Vom ersten Besuch einer belgischen Regierungskommission bei dem eben Befreiten in Schloß Strobl am Wolfgangsee im Sommer 1945, bis zu seinem offenen Brief vom 3. Mai dieses Jahres an den Bruder und Regenten Prinz Charles, klammert er sich zunehmend fester an die Vorstellung, wieder als König in Brüssel einzuziehen.

Es liegt etwas Fremdes, ihm nicht Gemäßes, in dieser Einstellung. Etwas so Fremdes, daß der Gedanke nahe liegt, der Impuls dazu käme von anderer Seite. Nach Lage der Dinge können solche Einflüsse nur von seiner zweiten Frau, der Prinzessin Mary Lilian de Réthy, ausgehen, die wir in den Illustrierten der ganzen Welt als ein bezauberndes weibliches Geschöpf an seiner Seite sehen. Aber wer vermag zu durchschauen, was hinter den sanften Augen und den liebenswerten Zügen einer schönen Frau in ihrer Situation vorgeht? Verfügt sie über die menschliche Größe, die Ressentiments zu überwinden, die ihre eigenen Demütigungen und die ihres Mannes in ihr ausgelöst haben müssen? Oder brennt in ihr der Wunsch, diese Demütigungen vergelten zu können, wenn es ihr gelingt, an der Seite König Leopolds in Brüssel einzuziehen?

Das Roulette ist in Bewegung, die Einsätze sind gemacht. Leopold besteht auf seiner Rückkehr. Prinz Charles, der Regent, hat das belgische Parlament aufgelöst und Neuwahlen für den 26. Juni verfügt. Alle erwarten, daß die Königsfrage im Mittelpunkt des Wahlkampfes stehen wird. Die belgischen Frauen, die erstmals zur Wahlurne gehen, werden vielleicht die entscheidenden Stimmen beitragen –, wenn ihre Liebe zu Leopold stärker, ist als ihre Abneigung gegen die Prinzessin Mary Lilian. C. D.