Sendung oder Suggestion?

Von Paul Hühnerfeld

Ein katholischer und ein evangelischer Geistlieber, der Oberstadtdirektor von Herford, der Obermedizinalrat des Kreises und ein Universitätsprofessor von den Eppendorfer er Kliniken in Hamburg saßen um den Herforder Wundertäter Bruno Gröning. Die Freunde des seltsamen Mannes hatten die Männer der Wissenschaft und der Behörde eingeladen: denn die Behörden hatten dem Wunderdoktor, vor dessen Hause am Herforder Wilhelmsplatz zu jeder Tageszeit eine große Menschenmenge wartet, einige Tage vorher seine Tätigkeit offiziell verboten.

„Ich“, so sagte der zweiundvierzigjährige Bruno Gröning (er ist klein, gedrungen, hat dunkle Augen und das Profil eines etwas heruntergekommenen bartlosen Propheten) – „ich“, erklärte er also, „habe schon seit meiner Kindheit die Kraft in mir, kranke Menschen zu heilen.“

Er sprach stockend, in grammatikalisch falschem Deutsch (das ist verwunderlich, da er aus Danzig stammt, dessen Bewohner ein ausgezeichnetes Deutsch zu sprechen pflegten) und er mußte oft nach Worten suchen. –„Aber ich wußte nicht“, fuhr er fort, „ob diese Kraft von Gott oder vom Satan kam. Jetzt weiß ich, daß es göttliche Befehle sind, und keine menschliche Behörde kann mich daran hindern, sie auszuführen.“

Diese „Befehle“ haben den zweiundvierzigjährigen Wunderdoktor vor etwa sechs Wochen von Duisburg, wo er seit Kriegsende unbekannt lebte, nach Herford zu einer Familie geführt, deren Kind er heilte. Herford ist eine kleine Stadt. Die Heilung sprach sich schnell herum (ja, alle Wundertäter sollten in einer Kleinstadt beginnen), und bald nahm Gröning auch andere Heilungen in Herford vor. Da gibt es eine Frau, die seit Jahren von Gallenkoliken geplagt wurde; Gröning sah sie nur einmal: seit diesem Tag ist die Frau frei von den furchtbaren Schmerzen. Weiter: ein kleiner blasser Junge, vielleicht zwölf Jahre alt, litt seit seinem siebenten Lebensjahr an Asthma; zehn- bis zwölfmal, so berichtet der Vater, wurde er nachts wach, weil er keine Luft mehr bekam, und griff zum Inhalierapparat und den Aludrintabletten. Der Junge hörte von den Heilungen des Wunderdoktors –: er kann mir helfen, dachte er, und mischte sich in kindlichem Vertrauen unter die Menschenmenge vor Grönings Haus. Die Nacht darauf schlief der Junge – mit dem Gröning noch nicht einmal gesprochen hatte – zum erstenmal seit langer Zeit durch. Er hat bis heute keinen neuen Asthmaanfall bekommen, und als er an diesem Morgen vor den Ärzten und dem Oberstadtdirektor erschien, wußte er nicht mehr, wo er sein Inhaliergerät und die Tabletten liegen gelassen hatte.

In diesem Zimmer mit Ärzten, Beamten und dem Wundertäter ging ein junger Mann, der anscheinend die Stelle eines Sekretärs bei Gröning einnahm, ständig mit einer Kamera und Blitzlicht umher, um alle Anwesenden zu photographieren. Denn der Mann mit der Kraft Gottes sagt: „Es gibt auf der Welt Gottes- und Satanskinder. Und unter Ihnen, die Sie hier jetzt sitzen, sind viele vom Satan befallen. Deshalb werden wir alle photographieren, und an den Aufnahmen werde ich der Welt zeigen, wie verzerrt und grimassenhaft die Züge eines solchen Satanskindes aussehen.“