K. W., Berlin, Ende Mai

Der Berliner S-Bahn-Streik ist, obwohl er vonder UGO (der Westberliner Gewerkschaftsorganisation) schon mehrfach angekündigt, aber auch schon zweimal wieder abgeblasen worden war, zu einem Ereignis von unerwartet hoher politischer Intensität geworden. Er brachte, am Vorabend der Pariser Außenministerkonferenz, eine Auseinandersetzung zwischen Osten und Westen, wie sie in dieser dramatischen Form die wahrlich an politischen Sensationen nicht arme Geschichte der Stadt noch nicht erlebt hat.

Die Hintergründe der Ereignisse sind folgende! Mit der vorangegangenen Woche mußten die Diktatoren der Sowjetzone zugeben, daß offen ein Drittel, kaschiert mindestens die Hälfte, in Wahrheit aber ein viel größerer Prozentsatz der Ostzonenbevölkerung dem Propagandatheater ihres „Volkskongresses“ eine massive Absage erteilt hatte. Gleichzeitig füllte sich Berlin in stündlich wachsendem Maße mit in die Stadt rollenden westlichen Gütern auf. Dies hatte zur Folge, daß die Ostbevölkerung der offiziellen Schwarzmarktorganisation der „freien Läden“ endgültig Valet sagte, ihre bescheidenen Ostmarkeinkünfte in Westgeld zu tauschen suchte und dadurch den Ostmarkkurs neuerdings noch einmal beträchtlich fallen ließ. Gleichzeitig aber waren die Tage gefüllt mit neuen Schikanen an der sowjetischwestdeutschen Zonengrenze und mit sofort in Berlin bemerkbaren Volksreaktionen auf die östliche Interpretation der Blockadeaufhebung. Die Stadt war außerdem damit beschäftigt, mit der Bürokratie fertig zu werden, die das Warengefälle des Westens nach Berlin möglichst „zu lenken“ bestrebt war: Erscheinungen, die zu ungewöhnlich heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Berliner Regierungspartei der SPD und den beiden anderen politischen Gruppen führten.

In diese Atmosphäre, die zum erstenmal die Kräfte des Westens in der Stadt und weit hinaus in die Ostzone praktisch am Werke sah, platzte der Streik der Westberliner Eisenbahner. Es war eine Machtprobe gegen die von der ostzonalen „Wirtschaftskommission“ regulierte Eisenbahnverwaltung. Seit dem 20. März sind etwa 15 000 Westberliner Eisenbahner, da sie Angestellte der östlicher Hoheit unterstehenden Reichsbahn sind, ohne Westgeld, haben aber alle ihre Ausgaben in Westgeld zu bestreiten. Alle Versuche, die Ostbehörden zur Auszahlung von Westgeldern an diese Eisenbahner zu nötigen, verliefen ergebnislos, und die Aufforderung des Magistrats von Berlin, in den Westsektoren Westgeld für die S-Bahn zu verlangen, um dadurch zu Geldern für die Eisenbahnerentlohnung zu kommen, wurde von der „Wirtschaftskommission“ ignoriert. Im Gegenteil: Die Ostbehörden suchten gerade über das ihnen zur Verfügung stehende Berliner. S-Banhnnetz Einfluß in ganz Berlin zu erhalten. Sie versuchten, auf den West-S-Bahnhöfen Konsumläden, öffentliche Verkaufsstellen und Propagandaeinrichtungen aufzubauen und stationierten auf ihnen Einheiten der Bahnpolizei.

Der Streik der UGO bezweckte zunächst nun volle Entlohnung der Westeisenbahner in Westgeld und Wiedereinstellung der mehr als 1200 von der Ostdirektion aus politischen Gründen gemaßregelten Eisenbahner. Er blieb aber kein Streik mit seinen sozial und menschlich durchaus berechtigten und vertretbaren Forderungen. Die östlichen Organe machten ihn zu einem gefährlichen Kampf gegen den Westen, in dem zum ersten Male in Berlin nach 1945 Waffen gezeigt und gebraucht wurden. Nicht nur, daß die Kommunisten sich systematisch zum Streikbruch durch massenhaft herangeführte FDJ-Trupps organisierten: sie mobilisierten nach Tausenden zählende Ostzonenpolizeieinheiten, die auf diese Weise zum ersten Male eine bürgerkriegsähnliche Situation heraufbeschworen. Unter dem Vorwand der Exterritorialität des S-Bahngeländes drangen sie vielfach in die Westsektoren vor, um die unbewaffneten streikenden Eisenbahner von ihren Positionen zu verdrängen.

Einerlei, warum es geschehen ist: die Ostzonenpolizei hat in den Berliner Westsektoren auf die Bevölkerung geschossen. Sie hat im Auftrag der östlichen Kräfte geschossen. Die Zurückhaltung der westlichen Besatzungsmächte erhielt im Lichte dieser Entwicklungen einen zwiespältigen Aspekt. Und die Forderungen der UGO mußten sich über das ursprüngliche Ziel hinaus zu diesen Punkten verschärfen: nicht nur Zahlung von Westgeld und Wiedereinstellung der politisch Gemaßregelten, sondern völlige Zurückziehung der östlichen Polizeiorgane vom Bahngelände und Übergabe der Bahnhöfe an die legale Westpolizei.

Diese Ereignisse lähmen natürlich das Leben der Stadt und ihrer eben neu erschlossenen Zufahrtswege zum Westen. Vor allem aber machen sie die bedrohlichen Möglichkeiten sichtbar, die auf dem Hintergrund des scheinbaren Waffenstillstandes zwischen. Ost und West schlummern. Bisher war die Frage einer möglichen Bürgerkriegsauseinandersetzung zwischen Kommunisten und deutscher Bevölkerung nur eine Theorie: jetzt hat sich gezeigt, wie rasch Theorien in Praxis umschlagen können.