Rätselraten auf deutscher Seite, völliges Schweigen auf alliierter Seite – das ist vorläufig, flach einer immerhin halbjährigen Laufzeit des Gesetzes Nr. 75, das sichtbare Ergebnis der eingeleiteten Montan-Neuordnung. Als das Gesetz am 10. November v. J. erlassen wurde, rechnete man allgemein mit schnellen Entscheidungen, da man wohl annehmen konnte, daß sich die Alliierten bereits im wesentlichen über das Grundkonzept des Umbaus einig waren. Leider muß jedoch, der bisherige Verlauf der Entwicklung erhebliche Zweifel, an dieser Ansicht aufkommen lassen.

Gewiß, solange der deutsche Stahltreuhandverband nicht gebildet ist, kann die Arbeit an den Organisationsplänen nicht aufgenommen werden. Aber kann die Auswahl der Mitglieder dieses Gremiums wirklich so große Schwierigkeiten bereiten, daß ein halbes Jahr ergebnislos verstreichen muß? Es wäre jedenfalls höchst bemerkenswert, wenn in Kreisen der Militärregierung dem Konflikt, der auf deutscher Seite um die Besetzung des Treuhandverbandes ausgetragen wird, eine so nachhaltige Aufmerksamkeit geschenkt würde. Seitdem eine amerikanische Nachrichtenagentur die (angeblich) „endgültige“ Treuhänderliste veröffentlichte, sind bereits wieder etliche Wochen verstrichen, ohne daß, wie angekündigt, die amtliche Berufung erfolgt ist. Ebensowenig ist aber die Meldung eindeutig dementiert worden, weshalb man also vielfach annimmt, daß die Liste, doch stimmte.

Warum zögert man dann aber noch länger mit der Berufung? Daß dies völlig ohne Grund geschehe, wird man kaum annehmen dürfen. Infolgedessen ist die Vermutung, den Alliierten sei die Treuhänderliste vielleicht kein unwillkommener Vorwand, die Entwicklung noch einmal abzubremsen, bis sich die Fronten im eigenen Lager geklärt haben, gewiß nicht ganz abwegig. Schließlich sind die Franzosen erst nach Erlaß des Gesetzes eingeschaltet worden, das überdies nur einen lockeren Rahmen für die Neugruppierung festlegte. Zweifellos hat man sich nun in der Zwischenzeit bei den internen Gesprächen nicht nur über die Treuhänderfrage unterhalten, sondern sich sehr konkrete Gedanken über die eigenen Wünsche bei der Umorganisation gemacht. Es ist nicht ausgeschlossen, daß hierbei nachträglich in einzelnen Fragen Meinungsverschiedenheiten aufgetaucht sind, die man erst klären möchte, bevor man den Startschuß für die Arbeitsaufnahme des deutschen Treuhandverbandes gibt.

Die Pläne für die Neuordnung des Bergbaus hatten zunächst gute Fortschritte gemacht. Anders als bei der Stahlindustrie brauchte hier die Berufung eines deutschen Treuhandverbandes nicht erst abgewartet zu werden, vielmehr konnte die alliierte Kohlenkontrollgruppe ohne Zaudern die Aufgabe in Angriff nehmen. Schon vor zwei Monaten erklärte Mr. Collins auf einer Pressekonferenz in Villa Hügel, die Bildung von fünfzehn Zecheneinheitsgesellschaften sei beschlossene Sache. Gleichzeitig ließ man in den zuständigen Kreisen des Bergbaus keinen Zweifel darüber bestehen, daß die neue Gruppierung auf der Hypothese der völligen Trennung von Kohle und Eisen aufbaue. (Wie hätte man auch sonst detaillierte Gruppeneinteilungspläne auf die Beine stellen können.) Lediglich in drei bestimmten Fällen, wo die Zechenbetriebe auf dem Gelände der Hüttenwerke liegen, war man zu Konzessionen bereit. Nachdem man nun den ganzen umfangreichen Fragenkomplex mit wirklich staunenswertem Tempo durchgepaukt und innerhalb weniger Monate verschiedene Gesamtpläne für die Umorganisation des Bergbaus fertigstellte, besinnt man sich jetzt plötzlich, daß das Problem der Hüttenzechen doch noch zu klären sei. Immerhin betrifft dies mindestens ein Viertel aller Zechen, so daß, je nachdem wie die Entscheidung ausfällt, der größte Teil der bisherigen Arbeit illusorisch würde.

Inzwischen ist den Gewerkschaften, etliche Monate nach Erlaß des Gesetzes, obendrein noch eingefallen, gegen die unterschiedliche Prozedur bei der Neuorganisation der beiden Montankomplexe Sturm zu laufen. Sachlich ist der erhobene Einwand gewiß berechtigt. Die sporadische Heranziehung der zum Teil nur ehrenamtlich eingesetzten deutschen Sachverständigen kann vom allgemeinen deutschen Standpunkt nicht befriedigen. Unter der Leitung von Dr. Vits wurden Ausschüsse gebildet, die in finanziellen und rechtlichen Fragen lediglich beratend mitwirken, während für die technischen Pläne die DKBL zur Verfügung steht. Aber überraschend kommt doch diese Art der Prozedur auf keinen Fall. Das Gesetz Nr. 75 hatte von vornherein die alliierte Kohlenkontrollgruppe für die Regie des Kohlenumbaus verantwortlich gemacht, im Gegensatz zu der Regelung auf den Stahlsektor, wo der deutsche Treuhandverbanc diese Funktion übernehmen sollte. Im übrigen hätte es der grundsätzlich berechtigten Forderung der Gewerkschaften, einem verantwortlich zeichnenden deutschen Kohlentreuhandausschuß die bergbauliche Neuordnung zu übertragen, sicherlich nicht zum Schaden gereicht, wenn man be der Betonung des gesamtdeutschen Interesses die eigenen Wünsche etwas zurückgestellt hätte. Man hat nämlich nicht versäumt, gleich die Hälfte der Sitze in diesem Ausschuß für sich zu beanspruchen... R–r.