Von Erwin Topf

Überall in Deutschland wird von der Geldknappheit gesprochen. Gewöhnlich wird mehr laut lamentiert als grundsätzlich argumentiert. Aber auch Vertreter der Wirtschaftswissenschaft, die sich zu diesem Thema äußern, können in ihren Schlußfolgerungen nicht immer überzeugen.

Wir lesen da etwa: Die Lage bei den deutschen Banken sei so angespannt wie noch nie seit 1933; der Produktibnsaufschwung seit Juni 1948 habe überall die Kosten ansteigen lassen, die Warenlager gefüllt; „auf einmal“ aber werde jetzt, im Zuge der Kreditrestriktionen, der Bevölkerung die Kaufkraft entzogen, so daß sie das Angebot nicht mehr aufnehmen könne ... Das ist nun doch nicht richtig gesehen. Zunächst wäre einzuwenden, daß zunehmende Produktion, sofern sie aus besserer Ausnutzung des vorhandenen Apparats resultiert, stets eine Kostendegression ermöglicht, also eine Senkung der Stückkosten zuläßt. Und weiter: weder ist die Liquidität der Banken übermäßig oder in gefährlichem Umfang angespannt – fast alle verfügen noch über ein erhebliches freies Kreditvolumen –, noch kann ernstlich davon die Rede sein, daß die Politik der Restriktionen einen „Kaufkraftentzug“ darstelle. Die Massenkaufkraft basiert ja, unter normalen Verhältnissen, nicht auf Kredit, auf Pump und Vorschüssen – vom regulären Abzahlungsgeschäft einmal abgesehen –, sondern wurzelt im laufenden Einkommen. Und dieses wird durch Kreditrestriktionen direkt überhaupt nicht betroffen; indirekt könnte es vielleicht betroffen werden: daß dies aber jetzt schon der Fall sei, ist kaum wahrscheinlich angesichts der Tatsache, daß die Produktionsleistung während der letzten Monate im ganzen gehalten werden konnte und die Beschäftigtenziffer, bei einer Millionen von Arbeitsverhältnissen betreffenden Umschichtung, doch per saldo seit Jahresfrist stabil geblieben ist.

Die alte Sorge, aus den Jahren nach 1929 nur zu wohlbekannt, bleibt trotz aller beruhigenden Hinweise darauf bestehen, daß die grundlegenden Fakten für die Wirtschaftsentwicklung und die Kreditsituation während der letzten Monate keinerlei Anlaß zu einer Panikstimmung geben. Noch sind die Wechselproteste und die Insolvenzen nach Zahl und nach „ausmachendem Betrag“ unerheblich; noch kann von einer Kettenreaktion der Pleiten, von einem Schrumpfungs- und Zersetzungsprozeß oder von der Gefahr einer Massenarbeitslosigkeit ernstlich nicht die Rede sein. Aber die Angst vor einer deflatorischen Entwicklung ist allgemein, und sie wird genährt durch die Gerüchte von angeblich bevorstehenden großen geschäftlichen Verlusten und Zusammenbrüchen, durch das Gerede von Geldmangel und Zahlungsstockungen. Sieht man genauer zu, so bleibt als Kern dieser Alarmnachrichten nicht viel mehr als die Zurückhaltung der Konsumenten, die nach einer Periode weichender Preise psychologisch durchaus verständlich ist, ferner die stärkere Inanspruchnahme der (insgesamt relativ geringen) Massenkaufkraft durch das vielseitiger und reichhaltiger gewordene Angebotssortiment – und dann die Tatsache, daß viele Unternehmen auf schwer absetzbaren oder bereits unverkäuflichen Vorräten „festsitzen“. Schließlich: daß es, bei knappem Betriebskapital, durchweg an Krediten für die Beschaffung und Errichtung von Betriebsmitteln und -anlagen fehlt, an Kapitalkrediten also, die nicht mit dem Instrument des Wechselkredits, das nur der Umsatzfinanzierungdienen kann, zu mobilisieren sind. Und außerdem noch das Faktum, daß durch dieses allgemeine-Gerede über angeblich drohende Zusammenbrüche tatsächlich die Konjunktur zerredet und eine immer starker ausgeprägte Flaute heraufbeschworen wird.

Die Bank Deutscher Länder, deren Zentralbankrat (zusammen mit der Allied Banking Commission) für unsere Währungs- und Kreditpolitik, verantwortlich zeichnet, ist mit der jüngst verkündeten Lockerung der Kreditrichtlinien nur um eines Strohhalmes Breite von ihrer bisherigen Politik abgewichen, die als „stockkonservativ“ gescholten wird. In ihrem letzten Monatsbericht weist sie, kühl bis ans Herz hinan, die Kritiker darauf hin, daß schon bis zum 20. März, als die starre Kreditkontingentierung aufgehoben wurde, und erst recht nachher, das Volumen des kurzfristigen Kredits sich gewaltig ausgedehnt hat, nämlich von 3,8 Milliarden des Standes zum Oktober-Ultimo, der den „Plafond“ für die Kreditrestriktion abgeben sollte, auf rund 5,9 Milliarden zu Ende April. Das sind nun wirklich eindrucksvolle Zahlen ...

Entscheidend aber ist, wie stets, nicht das Quantum, sondern das Quäle. In diesem Falle: ob für das reguläre Umsatzgeschäft in jedem Falle ausreichende Kreditmittel verfügbar gemacht werden konnten. Daran scheint es, zum mindesten beim Importgeschäft, allerdings zu hapern. Die Bank Deutscher Länder macht nämlich von sich aus Vorschläge, wie durch Preisgarantien das Absatzrisiko verringert werden könnte, das in Zeiten fallender Preistendenz auf den großen Überseemärkten bei der bürokratisch-langwierigen Abwicklung des Geschäfts vom Importeur alleine nicht getragen werden könne. Hier bahnt sich also eine Aushilfelösung an. Auch im übrigen ist die Situation gewiß nicht ausweglos. Der Kapitalkredit beginnt zu fließen; die Konsolidierung der kurzfristig gegebenen und zwangsläufig in den Unternehmerr-als Betriebs- und Anlagekapital langfristig gebundenen Kreditmittel bahnt sich an. Und schließlich wird, mit dem ab 1. Juli fälligen Übergang zur Abrechnung sämtlicher Importe zum Kurs von 30 Cent, wieder ein gewisser Auftrieb der Inlandspreise einsetzen: es wird wieder, um im Jargon des Kaufmanns zu sprechen, ein wenig „Phantasie“ ins Geschäft kommen. Erst recht dann, wenn demnächst einmal im Zuge, einer allgemeinen „Anpassung“ der europäischen Währungen, auch der Außenwert der DM um vielleicht 10 v. H., vielleicht um etwas mehr, herabgesetzt wird.