Die Zeiten haben sich gewandelt; unerwartet schnell ist die Marktsituation von dem einen Extrem ins andere umgeschlagen: während vor wenigen Monaten noch alte Bemühungen darauf konzentriert werden mußten, Ware zu beschaffen, gilt es heute, den Absatz neu zu organisieren. Man hört davon, daß große Fabrikationsbetriebe ihre Direktoren und Prokuristen zum Besuch der Kundschaft entsenden, um festzustellen, weshalb es mit der Abnahme von Lieferungen (und mehr noch: mit deren Bezahlung) hapert, was überhaupt noch „geht“, wo und wie vielleicht zusätzliche Märkte erschlossen werden können.

Unter diesen Verhältnissen gewinnt ein alter Berufsstand erneut an Bedeutung, der Jahre und Jahrzehnte hindurch im Schatten der wirtschaftlichen Entwicklung gestanden hat, dessen Funktionen aber nun wieder unentbehrlich geworden sind: die „Reisenden“, wie man sie kurz und wenig präzise zu nennen pflegt. Sie sind also wieder „auf Tour“, sei es als Firmenangestellte, die zusätzliche Provisionen beziehen, sei es als Reisende auf eigene Rechnung, die eine Reihe von Vertretungen „gebündelt“ übernommen haben: unentbehrlich als Motor des Absatzes, als Erkundungsorgane des Marktes, unentbehrlich auch für die direkte Fühlungnahme zur Kundschaft und für die Urteilsbildung über deren persönlichen Kredit wie über die Bonitätsverhältnisse in der Branche.

Ein alter Berufsstand, gewiß – aber erfüllt mit sehr modernen Auffassungen, seiner Natur nach gezwungen zu höchster Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit, die allein Leistung und Erfolg sichert. Weshalb also auch seinen Repräsentanten bitter Unrecht geschehen würde, wollte man sie auf Grund antiquierter Vorurteile heute noch irgendwie mit dem gründlich verzeichneten Bild in Beziehung setzen, das in Witzblättern und in Possenstücken einer längst vergangenen Epoche (gewöhnlich recht geistlos) von dem geschwätzig-aufdringlichen Geschäftsreisenden des „alten Stils“ gezeichnet worden ist. Die falsche Überheblichkeit des seßhaft-saturierten Pfahlbürgers gegenüber dem Mann, der mit neuen Ideen und Anregung aus der „großen Welt“ da draußen kommt, den frischen Luftzug der Konkurrenz in die abgestandene Atmosphäre bringt, sollte unter den so gründlich veränderten ökonomischen und sozialen Verhältnissen von heute ebenso gründlich überholt sein.

Der „Verband reisender Kaufleute Deutschlands“, dessen rund 30 Sektionsverbände dieser Tage ihre Delegierten zur Generalversammlung nach Bremen entsandt haben, besteht bereits seit 65 Jahren, ist aber in einem erfreulichen Sinn lebendig und aufgeschlossen geblieben. Mit Vergnügen entsinnen wir uns seiner Stellungnahme, die vor einigen Monaten veröffentlicht wurde, als die Frage der Gewerbefreiheit, wieder einmal besonders aktuell, zur Diskussion stand. „Konkurrenzbeschränkung und Krippenpolitik“, so hieß es damals, „sind mißverstandener Gewerbeschutz. Schutz der Allgemeinheit tut not vor Unfähigen und Unredlichen; alle Fähigen und Redlichen aber haben Anspruch auf gleiche Chance, besonders Heimkehrer, Vertriebene und Nachwuchs.“ Dieses Eintreten für die Freiheit fairer Konkurrenz, diese gute und klare kollegiale Haltung besonders gegenüber den vom Schicksal benachteiligten Berufsgenossen sichert dem Verband und seiner verdienstvollen Arbeit auf dem Gebiete der beruflichen Selbsthilfe gewiß auch die Sympathien der öffentlichen Meinung – wenigstens überall da, wo sie sich von der „handelsfeindlichen Psychose“ frei weiß, die immer noch, als ein Residuum vergangener Jahre, gelegentlich im großen Publikum anzutreffen ist, sich leider auch gelegentlich in wirtschafts- und steuerpolitischen Maßnahmen und Entscheidungen dokumentiert. G. K.