Brüssel, im Mai

Belgien hatte für mehrere Wochen Königsbesuch – den ersten seit der Vorkriegszeit. Mutara III-, der König des an den belgischen Kongo angrenzenden Protektorates Ruanda, das Glied einer jahrhundertealten Dynastie, ein hoher Potentat – beinahe zwei Meter hoch –, traf mit dreien seiner mächtigsten Unterhäuptlinge und seinem Sekretär im Flugzeug in Brüssel ein. Im elegantesten europäischen Zivil! Den schaulustigen Brüsselern zeigte er sich später bei allen offiziellen Gelegenheiten, ja sogar auf den Straßen, die er interessiert durchschritt, in großer Königstracht: lang herabwallendes Gewand aus weißer Seide, weit geschnittene blaue Pelerine, auf dem Haupt die Königskrone – ein breiter, perlenbestickter, federngeschmückter Stirnreif –, in der Hand das königliche Zepter, am rechten Handgelenk elfenbeinerne Armringe, am linken allerdings eine illusionsstörende, moderne, goldene Armbanduhr, auf der Brust den Leopoldsorden und den des heiligen Gregorius.

Mutara III., der gut, wenn auch langsam französisch spricht, ließ sich im Rundfunk vernehmen, trug sich in das Besuchsregister des königlichen Palastes ein, besuchte in Begleitung des Kolonialministers die Königin Elisabeth, die interessiert seine Krone prüfte. In Mecheln empfing ihn der Kardinal von Belgien, und vom Balkon des Brüsseler Rathauses herab begrüßte er die auf dem Platz harrende Menge, einschließlich der Blumenfrauen des Rathausmarktes, die nicht verfehlten, ihm ein Blumengewinde zu überreichen.

Mutaras Haltung ist durchaus würdig. Er soll von hoher Intelligenz sein. Jedenfalls ist er der erste Negerfürst, der die Legenden und Dichtungen seines Volkes sammeln und schriftlich niederlegen läßt. Er ist Hamit, wie die ganze herrschende Klasse seines Landes, während die Mehrzahl der rund zwei Millionen Einwohner Ruandas dem weniger hochstehenden Bantu-Negertyp angehört. Mutara ist der Enkel seines Großvaters wie jedermann, aber seine Großmutter war dessen Schwester. Andere Völker – andere Sitten! Da er Christ ist, wenn auch erst seit 1944, lebt er in Einehe mit der charmanten Rosalie Gicanda, einer afrikanischen Schönheit.

Die gewaltigen Stahlwerke von Lüttich und der Hafen von Antwerpen machten den größten Eindruck auf Mutara. Dem Kongomuseum brachte er reiche Geschenke von großem ethnographischen Wert mit, und dem volkstümlichsten Bürgerchen Brüssels, der kleinen Bronzestatuette des Manneken-Pis, dedizierte er das Miniaturkostüm eines Negertänzers von Ruanda. (Der kürzlich in Brüssel weilende Maurice Chevalier hatte Manneken-Pis Smoking und Strohhut verliehen, das Kostüm, in dem man ihn von der Leinwand her kennt.) Die Gabe für den belgischen Prinzregenten machte beim Abtransport aus Afrika Schwierigkeiten. Es handelte sich um einen rassigen Jagd-Geparden, für den ein kleiner Sonderraum des Flugzeugs bestimmt worden war. Er entwischte aber daraus und machte sich im Passagierraum breit, zum Glück, bevor die Fluggäste eingestiegen waren. Da sich niemand herantraute, wurde ein Arzt geholt, der an langer Stange einen großen, mit Chloroform getränkten Wattebausch in den Passagierraum hineinreichte. Erst nach etwa einer Stunde trat die Wirkung ein und der einigermaßen betäubte Ausreißer konnte wieder in sein Sonderabteil zurückgebracht werden. Ottomar Reichard