Von Hartmut Schmökel

Alttestamentarische und jüdische Textfunde am Toten Meer haben Aufsehen erregt. Mit Recht, obwohl es sich nicht, wie die „Welt“ am 16. April berichtete, um den hebräischen Urtext des Alten Testamentes handelt, sondern um Texte einer jüdischen Sekte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts, unter denen sich freilich die Rolle des Propheten Jesaja – diese aus dem zweiten Jahrhundert v. Chr. – befindet.

Beduinen, die vom Negeb nach Norden wanderten, fanden im Sommer 1947 in einem Wadi, am Nordrande des Toten Meeres, eine hochgelegene, teilweise eingestürzte Höhle und stießen neben Spuren alter Gräber auf eine Anzahl großer, mit Pech verschlossener Tonkrüge, die sie – begierig nach Schätzen – sofort öffneten. Zwar erbeuteten sie weder Gold noch Edelsteine, doch waren sie gewitzt genug, zu erkennen, daß auch mit den vergilbten, eingetrockneten Pergamentrollen, die aus den Gefäßen zum Vorschein kamen, ein Geschäft zu machen sei, Während sie die Tonkrüge alsbald selbst in Gebrauch nahmen – es gelang den Archäologen auch später nicht, sie zu erwerben –, brachten sie elf Schriftrollen zum mohammedanischen Ortsvorsteher von Bethlehem, der die Schrift der Manuskripte für das syrische Estrangela hielt und den Findern deshalb ritt, dem am Ort befindlichen Kloster der syrisch-orthodoxen Christen ein Kaufangebot zu machen. Die Mönche mögen etwas vom Wert der Rollen geahnt haben, jedenfalls unterrichteten sie ihren Metropoliten, der dann auch fünf Rollen erwarb und in den Konvent von St. Markus in der Jerusalemer Altstadt überführte; Andere Rollen gelangten auf Umwegen in den Besitz der hebräischen Universität. Im Februar 1948 stießen die syrischen Mönche beim Ordnen ihrer Bücherei erneut auf die Rollen, die sich dort wie manche andere Kostbarkeiten bereits auf ein unabsehbares beschauliches Leben in der Stille eingerichtet hatten, und brachten sie in die American School of Oriental Research, um ihre Herkunft zu bestimmen und ihre Texte zu deuten.

Damit war man dem Geheimnis des „sensationellsten Dokumentenfundes der Moderne“ auf der Spur. Die fellows der Schule, Dr. Trever und Dr. Brownlee, identifizierten und photographierten die Dokumente; der gerade von einer Irakreise zurückgekehrte Direktor der American School, Professor Dr. Burrows, erschloß sie wissenschaftlich; Professor Albright, der seiner Zeit den berühmten Papyrus Nash identifiziert hatte, gab auf Grund von Teilphotos von den USA aus die Gewißheit, daß es sich um Texte des zweiten und ersten vorchristlichen Jahrhunderts handle. Professor Sukenik von der Jerusalemer Hebräischen Universität folgte alsbald mit dem Bericht über die ihm zugefallenen Teile des Manuskriptfundes nach.

Es handelt sich bei den nunmehr im Besitz der syrischen Christen und der Hebräischen Universität befindlichen Rollen um Dokumente, die in der ältesten Form der noch heute gebräuchlichen hebräischen Quadratschrift geschrieben und durch einmalig günstige Konservierungsbedingungen in der Hauptsache sehr gut erhalten sind. Nur einige wenige Manuskripte sind infolge ihres schlechten Zustandes noch nicht entrollbar. Der makkabäischen und herodianischen Zeit entstammend, gehörten die Texte zur Bücherei einer jüdischen Sekte, die ihren Unterschlupf in der Wüstengegend am Nordende des Toten Meeres gefunden hatte. Die Verpackung in Tonkrügen war im Alten Orient üblich, wie die Textstelle im Propheten Jeremia (Jer. 32,14) zeigt. Ihrem Inhalt nach bieten die Dokumente eine Ordensregel jener Vereinigung, die man mit den Urhebern der sogenannten Damaskusschrift in Verbindung bringt, einen Midrasch (jüdischen Kommentar) zum alttestamentlichen Prophetenbuch Habakuk, mehrere hebräische Apokryphentexte, die bisher nur in Übersetzungen bekannt waren, den Bericht über einen (wohl nur vorgestellten) Krieg der „Söhne des Lichtes gegen die Söhne der Finsternis“, eine dem biblischen Psalter ähnliche Sammlung von Dankpsalmen und – als wichtigstes – einen vollständigen, mehr als sieben Meter hingen, in 54 Kolumnen eingeteilten Text des Propheten Jesaja, der paläographisch einwandfrei ins zweite vorchristliche Jahrhundert zu datieren ist.

Der Wert dieses Fundes wird deutlich angesichts der Tatsache, daß unsere ältesten vollständigen Handschriften des Alten Testamentes rund 1000 Jahre jünger sind als die neuentdeckten Manuskripte. Dabei ergibt sich die erstaunliche Tatsache, daß der vorgefundene Jesajatext – und ähnlich auch der des Habakuk, dessen beide erste Kapitel in dem aufgefundenen kurzen Kommentar laufend zitiert werden – im großen mit dem bisher bekannten sogenannten masorethischen Text aufs beste übereinstimmt: Eine Feststellung, die der Überlieferungstreue der für unseren alttestamentlichen Bibeltext verantwortlichen jüdischen Schriftgelehrten noch nach mehr als eineinhalb Jahrtausenden ein glänzendes Zeugnis ausstellt.

Die – natürlich ebenso reizvolle wie wichtige – Erforschung der Bundhöhle ist im vergangenen Jahr infolge der latenten Unsicherheit im Heiligen Lande noch nicht möglich gewesen. Indes ist sowohl einer der syrischen Mönche trotz mangelhafter Ausrüstung und Vorbereitung bis zur Höhle vorgedrungen und konnte einen Blick in sie werfen, als auch hat Professor Sukenik, damals während der Araberkämpfe unter Lebensgefahr, geführt von einem Angehörigen der südlich von Jerusalem beheimateten Tsamireh-Halbnomaden, den Schauplatz des Fundes besichtigen können. Nähere Berichte hierüber fehlen noch. Das syrisch-orthodoxe Kloster von St. Markus wurde im Verlauf der Kämpfe um die Jerusalemer Altstadt zum großen Teil zerstört, und Vater Butros Sowmy, der an jenem allen Beteiligten gewiß unvergeßlichen 20. Februar 1948 die Manuskripte der syrischen Erwerbung ins amerikanische Institut brachte, hat bei den Straßenkämpfen sein Leben verloren. Schon vorher aber hatte kluge Voraussicht die kostbaren Dokumente aus der palästinischen Gefahrenzone entfernt und in einem der Nachbarländer sichergestellt. Die ehrwürdigen Pergamentrollen von goldgelber bis tiefbrauner Farbe mit den in schwarzer Tintenschrift sauber und liebevoll ausgeführten inhaltsschweren Schriftzeichen, zwei Religionen gleich wertvoll und bedeutsam, werden nun nach zweitausendjährigem Schweigen der internationalen Forschung ungehindert zur Verfügung stehen.