Am Rande der Konferenz im Palais-Rose

Von unserem Pariser Korrespondenten Jean-Charlot Sa\leck

Paris, Anfang Juni

Boniface Graf de Castellane, Abkömmling der Könige von Arles, war der erste Franzose von gesellschaftlichem Rang, der eine Franzose dafür aber reiche Amerikanerin heiratete, Anna Gould, die Tochter des Eisenbahnkönigs. Im Jahre 1897 weihte „Boni“, wie ganz Paris den ebenso geistreichen wie skrupelarmen Gemahl der Dollarprinzessin nannte, mit dieser und viertausend Gästen das Palais-Rose ein, welches er unter Nachahmung des Versailler Grand-Trianon in rosafarbenem Marmor am Rande des vornehmen Wohnviertels zwischen dem Arc de Triomphe und dem Bois de Boulogne mit einem schier unglaublichen Luxus für die Summe von dreißig Millionen Goldfranken hatte erbauen lassen.

Die von Thomas. Mann in „Königliche Hoheit“ so entzückend geschilderte Liebesgeschichte des deutschen Prinzen mit der reichen Amerikanerin ist ein biederes Idyll von Veilchen und Vergißmeinnicht neben dem, was sich in diesem Palais zwischen Anna Gould und Boni de Castellane abgespielt hat, wo sie unter den Augen und Ohren der Gesellschaft eine Hochehe von Szenen führten. Denn Castellane war alles andere als ein Tristan und hatte seine Frau den ganzen Liebesbecher allein trinken lassen. Es war bald bekannt, daß man in dem Palais-Rose sozusagen mit gezückten Messern ’lebte und sich mit epigrammatisch zugespitzten Worten bedolchte. So hatte „Boni“ eines Tages das Schlafzimmer seiner Frau Besuchern mit den Worten gezeigt: „Und dieses ist die Buß- und Sühnkapelle.“

Im Jahre 1911 ließ Anna Gould, des Zynismus und der Untreue des Grafen müde, sich scheiden, und heiratete, bald darauf dessen Vetter, den Herzog von Talleyrand-Perigord, Prinzen von Sagan, als dessen Witwe sie heute an New York lebt. Ihr Palais hat sie 1939 verlassen; während des Krieges diente dieses eine Zeitlang dem deutschen Kommandanten von Groß-Paris, dem General v. Stülpnagel, als Residenz. Seit einigen Jahren steht es unbewohnt unter der Obhut des Monsieur Pierre, der Intendant des Hauses seit 1910 ist.

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