Dean Gooderham Acheson fällt durch seine für einen Amerikaner ungewöhnliche Zurückhaltung, ja, Behutsamkeit des Sprechens und der Gesten auf. Für seine 56 Jahre – er ist Vater von drei Kindern – wirkt er jung. Im Gespräch mit Journalisten, deren Fragen er wenig liebt, pflegt er die Hände auf dem Bauch zu falten und die Belästiger durch seinen kühlen, geradezu „britischen“ Blick zu entmutigen. Bisher hat man ihn außer im Smoking immer in dem gleichen marineblauen Anzug gesehen, von dem sich sein rostroter Schnurrbart vorteilhaft abhebt. Achesons Chauffeur, ein naturalisierter Russe, der seinen schwarzen Cadillac fährt, ist den Journalisten freundlicher gesinnt als der Fahrer Wyschinskis. So erfährt man, daß der amerikanische Staatssekretär Wilhelms des Zweiten Leidenschaft für Schreinerarbeiten teilt und die Möbel seines Landhauses mit eigener Hand und ohne fachmännische Hilfe hergestellt hat. Auch darf niemand die Bäume und Büsche seines Gartens beschneiden, das tut er selber. Die Nelke, und zwar die rote, ist seine Lieblingsblume. Unsachliches Gerede ist ihm der Greuel aller Greuel, was ihn nicht hinderte, einer der ersten Rechtsanwälte der Staaten zu werden.

Ernest Bevin. Kein Journalist darf auf ein Sonderinterview mit ihm hoffen. Er läßt die Presse durch den mit den Zeitungsleuten immer höflichen Sir Alexander Cadogan empfangen. Bevin ist zur Eröffnung der Konferenz wie gewohnt in einem miserabel sitzenden Anzug erschienen und bedachte den Luxus des Palais-Rose mit den gleichen grimmigen Blicken, welche die Sowjetdelegierten so gut an ihn kennen. Bevin ist der bestbewachte der vier Minister. Besucht er das Hauptquartier der englisches Delegation, so verläßt zunächst ein hochgewachsener, breitschultriger zunächst den Vordersitz des verpanzerten Humber (27 PS). Gleich darauf entsteigen dem Innern zwei ähnliche Riesen, und erst dann darf der Minister den Fuß auf das Trottoir setzen und die zwei Schritte bis zur Trottoir des Hotels machen, in dessen Halle zur französische Polizei, als Liftiers, Portiers und französische verkleidet, die Sicherheit Bevens verbürgt. Offizielle Veranstaltungen, besonders Essen, schätzt Bevin nicht. Wenn es möglich ist, Essen, er allein mit seiner Gattin Florence, die es dem französischen Kollegen ihres Mannes sehr übelgenommen. haben, soll, daß er diesen vor kurzem auf der französischen Botschaft zu London dazu verleitet hatte, Schnecken in der hier üblichen Zubereitung zu essen. Die Ausschweifung sei Herrn Bevin schlecht bekommen, und er habe sei mit einem mehrtägigen Fasten bei fadem Hühnerfleisch und Mineralwasser büßen müssen.

Andrei Januariewitsch Wyschinski fährt zum Erstaunen der Pariser, zuweilen ohne die Eskorte von bewaffneten Motorradfahrern, die Molotows Wagen während der mißratenen Friedenskonferenz beschützten, durch die Straßen. Das Automobil ist ein schwerer, schwarz lackierter Zis von klassischer Form ohne amerikanische Vernickelung. Das Fanion mit Hammer und Sichel auf rotem Grund ist über dem linken Kotflügel angebracht. Der Chauffeur scheint taub und stumm zu sein. Er ist die Verzweiflung der Jornalisten, auf deren Fragen er nicht einmal mit einer Wendung des Kopfes reagiert. Er blickt stramm vor sich hin, wohl in gerader Luftlinie in das wachsame Auge Moskaus. Wyschinski selbst liebt die Presse gleichfalls nicht, wenn sie fragt. Dagegen belehrt er sie gern. Die fällige Schulstunde hat aber noch nicht stattgefunden. Zum Essen im Elysée erschien er in einem einfachen, mäßig geschnittenen schwarzen Anzug, wie sie bis in die dreißiger Jahre alle respektablen Franzosen trugen, die seitdem aber die hellen Stoffe entdeckt haben. Wyschinski soll nicht. fähig sein, eine Unpünktlichkeit zu verzeihen. Mögen die Uhren aller anderen Staatsmänner immer richtig gehen! Seine Ungeduld ist sprichwörtlich. Bei seiner Ankunft in Orly brachte er den Chef des Protokolle Dumaine in die größte Verlegenheit, denn er wollte noch auf dem Flugplatz erfahren, wann er Herrn Schuman seine Aufwartung machen könne. Dumaine, der seinen Minister bei einer Konferenz mit Bevin und Acheson wußte, konnte nicht beim Qual d’Orsay anfragen und sagte auf gut Glück: „Ihre Stunde wird auch die von Herrn Schuman sein.“ Worauf Wyschinski zum Entsetzen Dumaines direkt zu Schuman fuhr, der aber wunderbarerweise sich gerade von seinem englischen und amerikanischen Kollegen verabschiedet hatte, als Wyschinskis Wagen in dem Hof des Auswärtigen Amtes vorfuhr.

Bis jetzt hat Wyschinski die Teilnehmer der Konferenz nur ein einziges Mal zum Lächeln gebracht. Er schlug nämlich in der zweiten Sitzung vor, das Himmelfahrtsfest zu zweiten tieren und an diesem Tag die Verhandlungen zu suspendieren. Die drei anderen hielten es nicht so streng mit der Religion und sprachen sich gegen diesen Zeitverlust aus.

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Robert Schuman. Er ist der einzige Junggeselle unter den vier Ministern. Der hervorstechende Zug des französischen Außenministers ist seine natürliche Einfachheit. In Washington, wo er kürzlich verhandelt hat, war man entzückt von ihm, weil er nicht ein einziges Mal Lafayette und sonstige Glorien der Vergangenheit erwähnt hat und weil er das, was er zu sagen hatte, sachlich und nüchtern vortrug. Sein Verständnis für die deutsche Wirklichkeit hat ihm in Washington für Frankreich mehr genutzt als jede engstirnige Verteidigung unmittelbarer, rein französischer Interessen. Die Journalisten empfängt Schuman am liebsten nur dann, wenn sie ihm versprechen, nichts über ihn zu schreiben. So sieht er gern Pierre Brisson, den einflußreichen Direktor des „Figaro“, weil dieser sich rühmen kann, noch nie eine Indiskretion begangen und alle Rekorde der journalistischen Entsagung geschlagen zu haben. Jede Art der Verschwendung von Staatsgeld ist Robert Schuman verhaßt. Nie reist er in dem ihm zustehenden Salonwagen, er läßt nicht einmal ein Abteil für sich reservieren, und man kann ihn oft allein auf dem Ostbahnhof unter den Reisenden entdecken, wenn er sich zum Wochenende in seinen lothringischen Wahlkreis begibt. Sein Automobil ist ein gewöhnlicher Serienwagen von Citroën. Wein und Tabak schätzt er nicht hoch. Er ist Frühaufsteher und bringt damit den Gärtner des Quai d’Orsay in Harnisch, den es kränkt, nicht vor dem Minister auf den Beinen zu sein. Schuman ist ein Freund der Literatur, auch der deutschen, in der er Lessing besonders schätzt. Letztes Jahr fand er während einer schweren politischen Krise – damals war er Chef der Regierung – die Zeit, an einem Nachmittag inkognito einer deutschsprachigen ungekürzten Aufführung der „Minna von Barnhelm“, die nur einmal stattfinden konnte, im Théatre du Vieux-Colombier beizuwohnen. Die Stellen Riccauts de la Marliniere schienen ihn sehr zu ergötzen; man sah ihn noch schmunzeln, als er sich nach der Vorstellung in der Garderobe geduldig anstellte, um seinen Mantel abzuholen.

Wie starr und gefährlich auch das Gesetz sein mag, nach dem eine jede Nation in der Geschichte ihre Rolle spielt – vieles hängt dennoch von den Charaktereigenschaften der vier Minister ab, die der Welt den Frieden verschaffen sollen, und so bleibt uns nur zu wünschen übrig, daß diese vier während der Verhandlungen im Palais-Rose von einem guten Geiste beseelt seien!