Der Verfasser des folgenden Berichtes hat die nach Kriegsende von den Amerikanern sichergestellten deutschen Bilder auf ihren Wegen durch Amerika begleitet. Die letzten Berliner Kostbarkeiten sind inzwischen nach Deutschland zurückgekehrt, wo sie zunächst in Wiesbaden ausgestellt wurden.

Es ist den Amerikanern schwer, sich ein klares Bild von Europa zu machen. Bedenkt man dies, dann muß man sagen, daß die Ausstellung der Bilder von Berliner Museen, die für ein volles Jahr durch die Vereinigten Staaten reiste, nicht nur ein kultureller Erfolg war. Es war die meist besuchte Kunstausstellung in den Staaten. Während der vierwöchigen Ausstellung in Washington zählte man eine volle Million Besucher, während acht Tagen in Portland (Oregon) 65 000 (dabei hat diese Stadt nur 400 000 Einwohner), innerhalb von zehn Tagen in Toledo (Ohio), einer Stadt mit 250 000 Köpfen, wurde die Schau von rund 102 000 Gästen besucht. Das sind nur drei Beispiele aus 14 Städten, in denen insgesamt 2400 000 Menschen die deutschen Bilder sahen.

So viele Menschen können gar nicht „Kunstsachverständige“ sein, und es ist Tatsache, daß die meisten dieser Besucher nie zuvor in einem Museum war. Allerdings, amerikanische Leistungsfähigkeit bewies sich auch hier in der ungeheuren Propaganda, mit der die Ausstellung in jeder Stadt umgeben wurde. Alle Trommeln wurden gerührt – und, wie Exempel lehrt, mit großem Erfolg. Es mag also sein, daß viele der Besucher nicht aus künstlerischen Gründen die Ausstellung besuchten. Aber sie kamen – und sie fanden diesmal eine Seite Europas vor, die den Alten Kontinent vorteilhafter repräsentierte als es die Geschehnisse des 20. Jahrhunderts tun könnten. Obwohl die Ausstellung von ursprünglich 202 Bildern durch zwei frühere Rücktransporte von jeweils rund 50 Bildern (im Mai und September 1948) auf die Hälfte reduziert wurde, stellte sie immer noch einen wertvollen Durchschnitt durch die kulturelle Tradition Europas vom Beginn des 15. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dar.

Freilich haben alle amerikanischen Museen ihre eigenen Bestände europäischer Kunstwerke, aber der politische Blickwinkel der Gegenwart gab unserer Ausstellung eine solche Betonung, daß der Kontinent Europa stets im Vordergrund des Bewußtseins stand.

Mit Europa aber war es Berlin, war es Deutschland, das dem amerikanischen Publikum näherkam. Es ist Tatsache, daß die Berliner Bilder viele unbewußte oder bewußte, begründete und unbegründete; verständliche und von der Presse während der Kriegsjahre aufgebauschte Voreingenommenheiten überwunden haben. Und die Rückkehr der Bilder nach Deutschland, die mit diesem dritten und letzten Transport abgeschlossen ist, beweist ein weiteres –, die Gültigkeit der Haager Konvention, die während. und nach dem letzten Kriege so oft verletzt und angezweifelt wunde. Die Vereinigten Staaten senden die Bilder, die sie „größerer Sicherheit“ halber hierher gebracht hatten, an den Eigentümer, das deutsche Volk, zurück, weil der kulturelle Besitz eines Volkes von der besetzenden Macht nicht requiriert oder konfisziert werden darf. So wie sich in diesem Artikel 56 der Konvention die Ehrfurcht vor kulturellen Schöpfungen beweist, so beweist die Rücksendung der Bilder, daß diese Ehrfurcht hier verpflichtende Gültigkeit besitzt.

Man darf die Stadt Frankfurt beglückwünschen, und man sollte die Schutzmaßnahmen der Direktion des Städelschen Institutes loben, auch wenn ihre Handhabung in den letzten Jahren nicht mehr in ihrem freien Ermessen lag: die letzten vermißten Bilder der Frankfurter Museen, lange entbehrt und als der „größte Gemäldediebstahl aller Zeiten“ in manchen Presseorganen bezeichnet, haben sich gefunden. Ganz einfach „gefunden“, als Strandgut einer ein wenig zu interessanten Zeit, ohne Sensation, ohne Lustspielcharakter, die die Tagespresse dieser Entdeckung beimessen möchte, als Ergebnis immer wieder durchgeführter, unablässig verfolgter Nachforschungen. Die 114 Gemälde der Frankfurter Galerien waren ursprünglich im Schloß Ziegenberg ausgelagert und wurden im August 1944 unter bereits ungewöhnlich erschwerten Umständen in einen Bunker in Bad Wildungen verbracht. Als nach Kriegsende die amerikanische Armee alle diese verlagerten Kunstbestände in ihren „Collecting Points“ sammelte, wanderten auch die in Wildungen befindlichen Bilder nach Marburg. In der ersten Zeit war den deutschen Amtsstellen eine Kontrolle überhaupt nicht möglich. So ist es durchaus verständlich, daß in dieser Zeit Verwechslungen vorkommen konnten. Nach Rückgabe der geborgenen Bilder an das Städelsche Institut in Frankfurt fehlten jedenfalls – ungerechnet eine Anzahl Bilder aus Privatbesitz – 114 Gemälde. Alle Untersuchungen der Direktion und der Staatsanwaltschaft blieben ergebnislos. Bis kürzlich beim Landeskonservator in Marburg aus dem Strandgut der Nachkriegszeit vom Museum in Aachen eine Uhr reklamiert wurde, an deren Stelle in der vermutlichen Kiste die ersten 41 Bilder aus Frankfurt zutage traten, und wenig später Graf Solms aus dem Ausland zurückkehrte und im Keller des Städel eine Kiste vorfand, die mit seinem Namen bezeichnet war. Sie war einige Zeit vorher von einem Spediteur beim Hausmeister des Instituts, aus dem Marburger Collecting Point stammend, für ihn abgegeben worden war. Sie wurde mit anderen noch nicht abgegebenen Kisten im Keller verwahrt. Doch Graf Solms hatte keine Ansprüche mehr: die Kiste war irrtümlich für ihn abgeliefert worden. Nun entschloß sich die Direktion des Städel, die korrekterweise den bei ihr eingelagerten Privatbesitz bislang nicht berührt hatte, die Kiste in Gegenwart des Staatsanwaltes zu öffnen: sie enthielt den Rest des gesuchten Frankfurter Bilderbestandes.

So endet eine der unzähligen Odysseen, die Millionen deutscher Menschen in den letzten Jahren erlebt haben, mit dem Glück, endgültig verloren oder zerstört Geglaubtes den Wirren der Zeit wieder abgerungen zu haben. Und der hübsch gedruckte Katalog der „Gestohlenen Gemälde“, den der Inhaber der Bauerschen Gießerei in Frankfurt (ein alter Freund und Förderer des Frankfurter Kunstlebens) auf eigene Kosten zwecks Wiederbeibringung der Gemälde mit über hundert Abbildungen drucken ließ, wird nicht nur als Dokument der Schicksale deutscher Museen, sondern als gefälliges Anschauungsmaterial über gewöhnlich nicht reproduzierte Bilder zweiter. Garnitur – denn es handelte sich hier nicht um die „Haupt- oder Meisterwerke des Städel“, wie mitunter behauptet wurde – seinen Wert behalten. W. R. D.