So wie man gewisse Flüssigkeiten in Reagenzgläser schüttet und mit anderen vermengt, um herauszubekommen, was „los“ ist, ebenso muß man gewisse Stücke gelegentlich wiederaufführen. Wer Bert Brechts „Dreigroschenoper“ 1928 in den Münchner Kammerspielen im Schauspielhaus gesehen hat, konnte höchstens ahnen, was wir seither wissen: daß sie einer jener nachtfarbenen Sturmvögel gewesen ist, die bösen Zeiten voranzuflattern pflegen. Natürlich galt als Spielverderber und Mucker, wer das damals so betrachtet wissen wollte. Vom Untergang bedrohte Gesellschaftsschichten entwickeln ja eine staunenswerte Fähigkeit: sie glauben sich dem Verderb entzogen, wenn sie seinen Verkündigungen Beifall spenden. Daß man auch noch etwas „tun“ müßte, abzuwenden, kommt ihnen nicht in den Sinn. So hat denn der Beifall in Stücken wie die Dreigroschenoper eines ist, geradezu etwas Mystisches.

Er hat dies auch heute, und gerade weil die dort als Unterweltsvision sich frech ankündigende Katastrophe inzwischen über uns hereingebrochen ist. Wenn Frau Peachum ihrer Tochter Polly ein Trauerkleid hinwirft mit den Worten: ‚Zieh dich um, dein Mann wird gehenkt!‘, so ist das eine sehr geglückte zynische Pointe, als solche gewiß belachenswert. Aber man wüßte doch gar zu gern, was eigentlich in den Leuten ringsum vorgeht, die allerwege so vergnügt losscheppern, als ginge es um Jux und nichts weiter. Sie werden einem von Mal zu Mal unheimlicher. Merken sie oder merken sie nicht, daß hier jene absolute menschliche Gleichgültigkeit, jener eiskalte Funktionalismus vorexerziert wird, der so bald schon in Konzentrationslagern und ähnlichen Veranstaltungen sich austoben sollte? Und, falls sie zuweilen eine Ahnung dessen streifte, was ziehen sie für innere Konsequenzen?

Solche Fragen scheinen mir aufregender und der Betrachtung würdiger als die rein ästhetische Seite der Angelegenheit. Daß diese nicht gleichgültig ist für Wirkung und Erfolg, lehrte natürlich auch die Münchner Neuinszenierung am alten Ort durch Harry Buckwitz. Sie hatte sich eine „Attraktion“ verschrieben durch Verpflichtung von Hans Albers für die Rolle des Mackie Messer, und die Beliebtheit des blonden Hans besonders bei den Damen wird vielleicht „diese“ Rechnung aufgehen lassen. Aber bei uns anderen, man muß es ehrlich sagen, überwog doch die Bewunderung, was Albers „noch“ zuwegebringt, die Bewunderung dessen, was er speziell dieser Rolle zubringt. Übers aktivste Ganovenalter hinaus, wie er ist, erschreckt und rührt er uns gelegentlich durch Kraftleistungen, ohne das, Wüste des Mackie Messer mitzutreffen; ja dieser wohlkonservierte. Blauäugige wirkt als unwiderstehlicher Hahn in allen Körben peinlich.

Auch die Polly Peachum war mit Maria Nicklisch etwas zu damenhaft und auch insofern nicht glücklich besetzt als Sangeskunst bei dieser Rolle unerläßlich ist. So konzentrierten sich Teilnahme und Beifall hauptsächlich auf Bruno Hübners Bettlerkönig Peachum, einer unnachahmlichen Mischung aus hartherzigem Geschäftsmann und Reverend, und auf Trade Hesterberg als seine fuselfeuchte pompöse Gattin. Ihr Lied an der Rampe stellte alles in Schatten: da war keine Wirkungsmöglichkeit ausgelassen, aber alles mit meisterlicher Diseusen-Anmut gebracht. In dem Intensivstil dieser beiden (und Rudolf Vogels in einer Nebenrolle) gespielt, hätte der von Moritatengetön und Apachenromantik weit stärker als von seinem Sozialarom durchwürzte Reißer gewiß viel von seiner agazierenden Wirkung erneuert. Aber so düsterecht Caspar Nehers Bühnenbild sich anließ, es war dem Spielleiter nicht gelungen, den Funken überspringen zu lassen: dasMakaber-Schmissige war nicht genug im Spiel, auch nicht der Musikanten, um die wetterleuchtende Atmosphäre von ehedem wiedererstehen zu – lassen. Oder lag es doch auch an der (gebrannten) Zeit? Es wäre fast tröstlich, wenn man es bejahen dürfte. Hanns Braun