Bei Erörterungen über die Höhe der deutschen Steuersätze wird oft auf die steuerlichen Verhältnisse in anderen Ländern, insbeondere in den USA und England, verwiesen. Das geschiebt (pikanter) ohne die erforderliche Sachkenntnis. So war kürzlich in einer Tageszeitung: zu lesen, die Steuersätze in den USA seien „ebenso konfiskatorisch wie bei uns“, wenigstens in den höheren Steuerstufen. Das ist – natürlich – nicht zutreffend; die Methodik der Besteuerung „drüben“ ist ja ganz anders als hierzulande.

Die Einkommensteuersätze sind auch in den USA progressiv und sehr hoch: in der Spitze 90 v. H. und mehr. Aber die „konfiskatorische Besteuerung“ des Einkommens beginnt in Deutschland bei unvergleichlich niedrigeren Einkommensbetragen, als in den USA. und sogar auch in England. Und die Bestimmungen über die Ermittlung des steuerpflichtigen Einkommens sind in den USA sehr viel großzügiger als in Deutschland.

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Wenn in Deutschland ein verheirateter Gewerbetreibender mit zwei minderjährigen Kindern aus eigenem und der Kinder Einkommen 100 000 DM verdient; so wird er mit Frau und Kindern zusammen veranlagt und zu einer Einkommensteuer von rund 75 000 DM herangezogen. Er behält also 25 000 DM.

In den USA ist es anders. Hier können die Ehegatten getrennt veranlagt werden, und zwar auch dann, wenn nur der Mann Einkommen hat und die Frau kein Einkommen bezieht. Es wird dann Jeder der beiden Ehegatten nach der Hälfte des Einkommens der beiden Ehegatten veranlagt. Bei der Progression der Tarife macht das viel aus. Würde diese Bestimmung in Deutschland gelten, so würde bei dem obigen Beispiel jeder der Ehegatten auf 50 000 DM Einkommen 31 000 DM Steuern zahlen, die beiden Ehegatten zusammen also 62 000 DM. Sie behalten also 38 000 DM.

Minderjährige Kinder können in den USA eine eigene Steuererklärung abgeben, Die Finanzbehörden könnten es beispielsweise zulassen, daß minderjährige Kinder ihr ererbtes Vermögen als Kommanditanlage gegen Gewinnbeteiligung im Geschäft des Vaters anlegen. Es möge einmal, angenommen werden, daß zwei minderjährige Kinder für ihre Kommanditeinlage aus dem Gewerbebetrieb ihres Vaters je 15 000 DM Gewinn erhalten. Es würde eine Veranlagung für jeden Ehegatten über ein Einkommen von 35 000 DM und für jedes Kind von 15 000 DM stattfinden. In Deutschland würde eine derartig getrennte Veranlagung – falls sie zulässig wäre – insgesamt 48 000 DM Steuern kosten. Die Familie behält also 52 000 DM.

Waren derartige Bestimmungen in Deutschland in Kraft, würde also der genannte Gewerbetreibende den für ihn verbleibenden Einkommensbetrag bei getrennter Veranlagung mit seiner Ehefrau um 50 v. H. und bei. getrennter Veranlagung auch noch mit seinen Kindern um 100 v.H. erhöhen können.