Von Ernst Roberl Curtius

Ernst Robert Curtius, dessen Auseinandersetzung mit Jaspers in der geistigen Sphäre Deutschlands Aufsehen erregt hat, muß das Recht haben, die begonnene Diskussion um das Goethebild des Basler Philosophen auch zu beenden.

Die Redaktion der „Zeit“ wünscht von mir ein Schlußwort. Ich werde mich kurz fassen. Alle diejenigen, die mir brieflich ihre Sympathie ausgesprochen haben, bitte ich, in diesen Zeilen den Ausdruck meines Dankes zu sehen.

1. Wenige Worte genügen mir, die Rüge abzuweisen, die mir H. H. Schaeder in der „Zeit“ erteilt hat. Der Leser seines Aufsatzes muß glauben, Schaeder sei seit einem Vierteljahrhundert Anhänger von Max Weber und Jaspers gewesen, auch in den „gespenstischen Jahren“ des Nationalsozialismus. Was tat er in Wirklichkeit in dieser Zeit? Er schrieb im Herbst 1939 in der „Neuen Rundschau“ über „Deutsche Wirklichkeit“. Vielleicht hat er den Aufsatz inzwischen vergessen. Wenn er ihn aber jetzt wieder liest, wird er verstehen, daß ich sein Bekenntnis zu Jaspers nicht ernst nehme.

2. Man hat den Ton meines Angriffes getadelt. Ein Philosoph schreibt hierzu: „Jaspers unternimmt es, Goethe, der eine ganze Welt ist, nicht nur an seiner eigenen Welt zu messen, sondern sogar Lebensentscheidungen Goethes von seinen eigenen Entscheidungen her zu bewerten. Die Antwort mußte daher die Frage aufwerfen, ob Jaspers ein Maß sein kann, das Goethe messen kann. Die Antwort kann die Person nicht schonen. Das gebietet hier geradezu die Sache. Das Unverhältnis von Jaspers zu Goethe, welches als Tatbestand uninteressant ist, hüllt sich hier in ein Gewand von Formulierungen, die Gültigkeit beanspruchen. Eben dieses ist Anmaßung und verdient beim rechten Namen genannt zu werden.“ Ich habe dem nichts hinzuzufügen außer den Satz Goethes: „Intoleranz ist immer handelnd und wirkend, ihr kann auch nur durch intolerantes Handeln und Wirken gesteuert werden.“

3. In einer Zuschrift an die „Rhein-Neckar-Zeitung“ bemerkt Jaspers: „Es entstehen zwei Probleme, die absolut zu trennen sind: literarische Polemik und Goethe.“ Der Philosoph hat hier ein drittes Problem übersehen: welchen Rechtsgrund hat seine Philosophie, an Goethe Kritik zu üben? Es wäre interessant, eine philosophische Antwort auf diese Frage zu hören.

4. Der Streit zwischen Jaspers und mir ist etwas anderes als Professorengezänk. Im Januar 1932 veröffentlichte ich eine Schrift „Deutscher Geist in Gefahr“. Es hieß darin: „Es wird ein Vorgang von allerhöchstem Interesse sein, zu beobachten, wie das Deutschland von 1932 von seinem Verhältnis zu Goethe Rechenschaft ablegt. Dies gilt um so mehr, je gewisser es ist, daß Deutschland sich heute in einer goethefernen Konstellation befindet.“ Das, was wir von Goethe zu lernen hätten, bezeichnete ich als „lebendige Bewahrung überzeitlicher Geisteswerte“. Ich führte Goethes Worte zu Eckermann an: „Wenn nur die Menschen das Rechte, nachdem es gefunden ist, nicht wieder umkehrten und verdüsterten, so wäre ich zufrieden; denn es täte der Menschheit ein Positives not, das man ihr von Generation zu Generation überlieferte, und es wäre doch gut, wenn das Positive zugleich das Rechte und Wahre wäre.“ Heute möchte ich ein anderes Goethewort anfügen: „Laß uns einander stärken im Edlen, und erhalten im Licht, denn des Lumpigen und Dämmrigen ist gar zu viel in der Welt“ (an Lavater, 3. Juli 1780).

Goethes Leben und Schaffen ist eine Lichtbotschaft; eine Bejahung von Mensch und Erde, von Gott und Natur. Ich halte es für eine hohe Aufgabe deutscher Denker, diese Lehre in Ehrfurcht und mit immer tieferem Verständnis auszulegen. Goethes Vermächtnis ist eine Kraft, an der die deutsche Jugend genesen und erstarken kann. Von ihren Lehrern darf sie erwarten, daß sie ihr den Weg, dazu bahnen. Das glaubte ich 1932 und glaube ich noch heute. Um die Bewahrung dieses Vermächtnisses ging damals der Kampf; darum geht er heute.