III. Die Pyramide als Festung – Räuber im „Tal der Könige“

Von C. W. Ceram

Durch die Entzifferung der Hieroglyphen einer Tat, die die archäologische Wissenschaft dem Franzosen François Champollion verdankt, ist es möglich gewesen, die Chronologie der ägyptischen Geschichte festzulegen. Damit wiederum war den Archäologen neues Rüstzeug an die Hand gegeben bei der wissenschaftlichen Einordnung ihrer Funde in Pyramiden und Felsengräbern. Von welch oft dramatischen Umständen diese Funde begleitet waren, berichtet C. W. Ceram in seinem Buch „Götter, Gräber und Gelehrte“, das im Rowohlt-Verlag erscheinen wird und aus dem wir bereits (in Nr. 20 und Nr. 21 der „Zeit“) einige Kapitel zum Abdruck gebracht haben. Unsere letzte Fortsetzung schloß damit, wie der Engländer Petrie das Pyramidenfeld von Gizeh durchstöbert, um das Geheimnis der riesigen Sarkophag-Häuser der Pharaonen zu ergründen.

Vor mehr als viereinhalb Jahrtausenden: Vom Nil herauf wälzte sich ein breiter Strom nackter Sklaven, hellhäutige und schwarze, plattnasige und wulstlippige, kraushaarige und geschorene. Stinkend nach schlechtem Öl und Schweiß, nach Rettich, Zwiebeln und Knoblauch (Geld im Werte von sieben Millionen Mark wurde nach Herodot allein für die Nahrung an die Arbeiter der Cheopspyramide gezahlt), johlend und seufzend unter den Peitschenhieben der Aufseher, zogen sie über die polierten Platten der Granitstraße, die sich vom Nil herauf bis zum Bauplatz erstreckte, stöhnten unter der Last schulterschneidender Stricke, und zerrten die riesigen, auf Walzen langsam rollenden Schlitten herbei, beladen mit den Steinen, von denen jeder mehr als einen Kubikmeter Rauminhalt hatte. Unter ihrem Geschrei, ihrem Stöhnen, ihrem Sterben wuchs die Pyramide. Sie wuchs zwanzig Jahre lang. Jedesmal, wenn der Nil seine Schlammfluten über die Ufer warf, wenn alle Feldarbeit ruhte, wurden die Hunderttausend zusammengetrieben für Cheops, zum Bau des Grabmals, das „Echet Chufu“ hieß, „Horizont des Cheops“! 2 300 000 Steinblöcke wurden herangeschafft und aufeinandergetürmt durch Menschenkraft. Länger als 230 Meter war jede der vier Seiten. Höher als 146 Meter ragte schließlich die Spitze empor. Das Grab des einen Pharao ist fast so hoch wie der Kölner Dom, höher als der Stephansdom zu Wien, weit höher als St. Peter zu Rom, die größte Kirche der Christenheit.

Das Getreide im Jenseits

Der Sinn des Pyramidenbaus ist nur aus der besonderen Art des religiösen Glaubens der Ägypter zu erfassen. Nicht aus ihrem Götterglauben – die Zahl der Götter ist unübersehbar; nicht aus ihrer Priesterweisheit – Riten und Dogmen haben Formverwandlungen erlitten wie die Tempel des „Alten“, „Mittleren“ und „Neuen Reiches“, sondern aus der religiösen Grund Vorstellung, daß der Weg des Menschen kontinuierlich über seinen leiblichen Tod hinaus weiterführe bis in alle Ewigkeit; daß das „Jenseits“ das „Gegenland“ von Himmel und Hölle sei, bevölkert von den Verstorbenen, wenn ihnen – und das ist hier das wichtige – die rechten Bedingungen der Existenz mitgegeben werden konnten. Zu dieser rechten Existenz gehörte schlechterdings alles, was die Existenz des Lebenden begleitet hatte. Es gehörte das feste Haus dazu und die Nahrung, um Hunger und Durst zu stillen; die Dienerschaft, Sklaven und Beamte; alle Bedarfsgegenstände des täglichen Lebens. Vor allem aber war notwendig: Erhaltung des Körpers, völlig sicherer Schutz vor jedem verderblichen Einfluß. Nur dann war es möglich, daß die nach dem Tode frei umherflatternde „Seele“ (ägyptisch „baj“), den Körper, zu dem sie gehörte, jederzeit wiederzufinden vermochte, ebenso wie sein Schutzgeist, der „Ka“, die Personifikation seiner Lebenskraft, die mit ihm geboren wurde, aber nicht mit dem Tode des Leibes verging, sondern weiterlebte, um dem Verstorbenen im Jenseits die nötige Kraft zu gewähren – im Jenseits, wo das Getreide sieben Ellen hoch wächst, aber dennoch bestellt sein will.

Diese Vorstellung war es, die zweierlei bewirkte: Die Mumifizierung der toten Körper (die wir auch bei den Inkas, den Maoris, Jivaros und anderen kennen, aber nicht im entferntesten so ausgebildet) und den festungsartigen Gräberbau! Denn jede Pyramide war eine Festung allein zum Schutz der innen verborgenen Mumie, doppelt, fünffach, zehnfach gesichert gegen jeden Feind, gegen Frevel und Ruhestörung. Tausende von Lebenden wurden in der Form geopfert, um dem einen Toten die ewige Sicherheit und das ewige Leben zu geben. Ein Pharao, der zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre an seinem Grabe bauen ließ, ruinierte die Volkskraft, verschuldete nicht nur sich, sondern seine Kinder und Kindeskinder. Er schwächte die Finanzen des Reiches noch nach seinem Tode, denn sein „Ka“ forderte ständige Opfer, ständigen Priesterdienst – ein vorsorglicher Pharao verschrieb die Einkünfte von nicht weniger als zwölf Dörfern vorweg allein den Priestern, die die Opferungen für seinen „Ka“ zelebrieren sollten. Die Macht des Glaubens übertönte die Stimme jeder politischen und moralischen Vernunft.