Ein paar hundert. Parlamentarier lachtenschallend, als ihnen 1929 der neugebackenekommunistische Abgeordnete und Generalsekretär oder kommunistischen Partei, Clement Gottwald, im Prager Parlament ganz sachlich mitteilte, er betrachte es als seine Aufgabe, ihnen den Hals umzudrehen. Das Lachen verging ihnen, als der gleiche Gottwald im Juni 1946 von dem alternden und ewig schwankenden Benesch nach dem kommunistischen Wahlsieg zum Ministerpräsidenten ernannt wurde. Nicht ganz zwei Jahre brauchte der frühere Tischlergehilfe, der seine erste politische Schulung im Nationalitätenkampf der Wiener Tschechen erhalten hatte, im ersten Weltkrieg nach Rußland desertiert und im zweiten dort gründlich ausgebildet und zu einer fahrenden Rolle in der Komintern erhoben worden war, um sein Programm von 1929 zu verwirklichen. Mit dem Staatsstreich im Februar 1948 drehte er der tschechischen Demokratie den Hals um. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit denen zu, die von den Parlamentariern noch übriggeblieben waren. Heute sind sie teils in der Emigration, teils im Zuchthaus, teils tot ...

Gottwalds Linientreue ist vorbildlich. In den drei Jahren, da er als Ministerpräsident und Staatspräsident regierte, wurde ein rücksichtsloser Kampf geführt, um der von Natur aus kleinbürgerlichen Gesellschaftsstruktur der Tschechoslowakei zumindest einen proletarischen Anstrich zu geben. Dem Zweijahresplan folgte unmittelbar ein Fünfjahresplan, und schon jetzt ist die ganze Grundindustrie, der größte Teil der Konsumgütererzeugung, der Großhandel und ein Teil des Kleinhandels verstaatlicht. Der Rest soll in raschem Tempo folgen. Die Landwirtschaft kommt ebenfalls an die Reihe. Clement Gottwald kann stolz sein,

Kann er wirklich stolz sein? Auf dem 9. Kongreß der Kommunistischen Partei, der dieser Tage unter einem Meer roter Flaggen und in Anwesenheit der internationalen roten Prominenz in Prag stattfand, war auffallend viel von Mängeln der Produktion die Rede. Der Staatspräsident selbst beschwerte sich, daß die Industrie „minderwertige Kinderwagen“ produziere und „Hemden, die aus zweierlei Stoffen zusammengenäht sind“. Ein anderer Redner beklagte sich, daß im Ostrauer Kohlenrevier immer noch 22,9 v. H. Absenzen registriert würden. Für den geschulten Marxisten wie Gottwald ist dieses ökonomische Rätsel nur mit Hilfe des Zauberwortes „Sabotage“ zu lösen. Wie könnte es anders sein, da doch die Regierung alles so trefflich geplant hat, von der Produktion bis zum Verbrauch und bis in die Freizeit des Arbeitershinein. Es gibt aber noch eine andere Lösung. Beispielsweise plant der Aktionsausschuß, daß der Arbeiter heute Abend in ein Konzert der kommunistischen Jugend gehen soll. Zufälligerweise will aber der Arbeiter gerade heute nicht in ein Konzert gehen, sondern zu Hause sitzen, eine Wurst essen und einen Schnaps trinken. Leider ist die Wurst geplant, das heißt rationiert, und der Schnaps nicht vorhanden oder viel zu teuer. Die Differenz der Vergnüglichkeit zwischen seinem und dem Programm des Aktionsausschusses zieht der Arbeiter am nächsten Tag Verdrossen von seiner Arbeitsleistung ab. Das Ergebnis ist ein minderwertiger Kinderwagen. Herr Gottwald hat zuviel geplant.

Auf dem Prager Parteikongreß gab es einige Redner, besonders den kommunistischen Generalsekretär Slansky, deren Linientreue, zumindest dem Tone nach, noch vorbildlicher zu sein schien als diejenige Gottwalds. Befindet sich unter ihnen vielleicht schon ein neuer Halsumdreher? Es wäre früh für Gottwald. Er ist erst 53 Jahre alt.

H. A.