Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W., Berlin, Anfang Juni 1949

Nationale Front“: dies Stichwort kommt aus dem Parteihaus der Berliner Kommunisten; das heißt: es kommt aus Berlin-Karlshorst. Es hat den Geruch von 1932, der dem 30. Januar 1933 voranwehte. In dem sowjetischen Militärblatt „Tägliche Rundschau“ wurde der neue Begriff gleichzeitig mit seinem ersten Auftreten in der SED-Presse bereits enthusiastisch interpretiert. Es paßt zum Bilde solcher Entwicklungen, daß die Zeitungen der Ostzonen-CDU und Ostzonen-LDP erst wesentlich später von dieser angeblichen „Bewegung“ erfuhren. Dafür wußte es die „Nationalzeitung“, das Organ-der Nationaldemokratischen Partei, entsprechend früher. Die neue Linie der sowjetischen Deutschlandpolitik bevorzugt die Farben Schwarz-Weiß-Rot.

Sie wehten freilich nicht über Berlin und der sowjetisch besetzten Zone, wiewohl sie einst das Blatt des in Moskau redigierten Nationalkomitees „Freies Deutschland“ umrandet hatten. Die Wochen vor den Volkskongreßwahlen schwamm men vielmehr in einem Meer von Rot und usurpiertem Schwarz-Rot-Gold. Aber die Angel war aus den Gewässern des „Demokratischen“ in die Wasser des „Nationalen“ geworfen. Der Mißerfolg des großen Wahlmanövers in der Sowjetzone hat die vordem nur erst schwach angedeuteten Linien des östlichen Deutschland-Interesses zu festen, unverkennbaren Strichen verdickt. Es hat sich gezeigt, daß selbst das Polizeisystem der Ostwahlen nicht alle Ventile zu verstopfen vermochte. Während ein großer Apparat in Bewegung gesetzt wird, die Schuldigen zu finden, bläst man in die leisen Wogen nationalsozialistischer Stimmungen und Sentiments. Begriffe wie „Vaterland“, „Patriotismus“, „Nation“, „Ehre“, „Einheit“, „Front“ haben alle Vokabeln des Klassenkampfes abgelöst.

Doch es sind dieselben Piecks, Ulbrichts und Grotewohls, denen Lenismus und Stalinismus Religion sind, die jetzt die neue Melodie anzustimmen haben. Sie sehen sich nur genötigt, andere Hilfstruppen für ihre gleichbleibenden Ziele anzuheuern. Die „Nationale Front“, die (nach der Vereinigung der sozialistischen Parteien, nach der darauffolgenden „Block-Politik“ der antifaschistisch-demokratischen Parteien und der ihr folgenden „Volkskongreß-Bewegung“) nun die äußerste Etappe der kommunistischen Selbstverleugnung nach außen sein soll, scheut vor keinem sacrificium intellectus zurück. Versagt hat die KPD bei den Arbeitern der Westzonen. Versagt hat in ihrer Wirkung auf den Westen die lärmend betonte Verbindung SED-CDU-LDP. Nun, da der Weststaat sich seiner Verwirklichung nähert, sollen alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, Pfeiler, Stützpunkte, Positionen im Westen zu schaffen. Die sowjetische Lenkung dieses neuen Manövers erkennt fraglos die Ohnmacht des KP- und SED-Apparates für ihre Deutschlandpolitik. So greift sie nach den Kräften in den Westzonen, in denen entweder politische und menschliche Verärgerung oder Romantizismen und Weltfremdheit wuchern. Sie nähert sich akademischen Ideen vom Ost-Traum der Deutschen, mißbraucht den Idealismus von Jugendgruppen und karitativen Verbänden und erscheint in den Kontoren von westlichen Geschäftsleuten und Industriellen, denen sie gestern noch den Strick angedroht hat. Sie ist überall gegenwärtig, wo Zweifel oder Mißmut herrschen.

Die „Nationale Front“ soll im Aufträge der östlichen Deutschlandkonzeption an deutschen Stimmen, Meinungen und Gruppen sammeln, was immer sich nur unter einen solchen Schemabegriff fügen läßt. Der verpönte „bürgerliche“ Mensch wird gesucht. Und zwar nicht etwa nur der liberale, „linke“ Zeitgenosse, sondern gerade der „patriotische“ Deutsche. Die Zumutung an die alten kommunistischen Parteikaders in der Sowjetzone gipfelt jetzt darin, daß die aus PGs, Offizieren und Berufssoldaten sich rekrutierende „Nationaldemokratische Partei“ im offiziellen Ansehen mit gleichen Rechten neben die SED und mit deutlicher Bevorzugung vor die beiden anderen bürgerlichen Parteien der Sowjetzone gesetzt wird. In diese von oben her verordnete Partei der ehemaligen Nazis mündet die gesamte Garde der HJ-Führer und SA-Chargen, der NS-Führungsoffiziere ein, und aus erstaunlich üppigen Quellen fließen ihr reiche Geldmittel zu. Ihr politischer Geschäftsführer, der ehemalige General Vinzenz Müller, wird mit voller Absicht zum Appellanten an die westdeutschen Soldaten des zweiten Weltkrieges hochgelobt. Der Eindruck, daß die Kommunistenführer mit den früheren Offizieren Hitlers hier unter der Fahne der „Nationalen Einheit“ zusammensitzen, soll es den westdeutschen Politikern, Wirtschaftlern, Professoren und Verbandsfunktionären erleichtern, in dem Angebot des Generalstabschefs der deutschen Komintern Ulbricht an die westdeutsche Wirtschaft das Angebot einer wirtschaftlichen Fairneß zu sehen.

Der Kommentar zu diesem Trommelfeuer des östlichen Nationalismus wird freilich immer nur halblaut und gewissermaßen nach hinten gesprochen; er besteht in dem lapidaren Satz, daß nationales Denken und Handeln nur in engster Anlehnung an die Sowjetunion möglich, im anderen Falle verbrecherisch sei. Es ist erstaunlich, wie viele Möglichkeiten im Westen Deutschlands noch immer bestehen, jede neue Nuance des östlichen Vergewaltigungsdranges als Mauserung, der kommunistischen Ziele verkennen zu lassen. Aber so schwer es auch sein mag, sich gegen etwas zu stemmen, was der Vernunft haargenau zu entsprechen scheint, so sehr muß man begreifen, daß auch die „Vernunft“ nur eines der Mittel des Ostens zu seinem unverrückbaren Ziele ist: der schließlichen Einigung Deutschland unter dem Zeichen des östlichen Kommunismus, als Bestandteil des bolschewistischen Machtsystems.