In Hamburg liefen hintereinander vier Filme (aus Deutschland und Amerika) an, die mit schwerwiegenden Problemen rangen, vier Filme der menschlichen Unzulänglichkeit und Fragwürdigkeit. Am künstlerischsten, am ernsthaftesten und intensivsten behandelt der Paramount-Film „Das verlorene Wochenende“ (Lost weekend, Regie: Billy Wilder, Urania-Filmbühne) die Tragödie eines manischen Trinkers. Realistisch und wunderbar unkonventionell, mit psychoanalytischer Schärfe werden die einzelnen Stadien eines menschlichen Verfalls (leidenschaftlich dargestellt von Ray Miliard) nachgezeichnet bis zu den kreischenden Mäusen des Deliriums. Auf den Zuschauer wird keine Rücksicht genommen, und nur das unerwartete und medizinisch unglaubhafte happy end ist eine Konzession an die strapazierten Nerven des Publikums.

Psychologisch weniger gründlich, in der Ausführung weniger eigenwillig behandelt der Pontusfilm mit dem kitschigen Titel „Verführte Hände“ (Regie: Fritz Kirchhoff) das Schicksal eines genialischen Bildkopisten, der durch Rauschgift das Werkzeug einer Fälscherbande wird. Vasa Hochmann verkörpert sehr, eindringlich die Besessenheit und Willenlosigkeit dieses menschlichen Außenseiters, doch sind die Möglichkeiten der Rolle vom Drehbuch her nicht ganz ausgeschöpft. Aufgefüllt mit der stellenweise sehr spannenden Kriminalhandlung (mit einer blassen Liebesgeschichte am Rande) und etwas kunsthistorischem Unterricht für Anfänger, wurde der in Großaufnahmen schwelgende Film künstlerisch unsicher; sicher allerdings in der Wirkung auf das Publikum, da er vielen etwas bot.

Der amerikanische Film „Teufelskerle“ (Boys town im Esplanade-Theater) aus dem Jahre 1938, der dem Lebenswerk des berühmten (im vorigen Jahr in Berlin gestorbenen) Pfarrers Flanagan gewidmet ist, beginnt sensationell mit den die Welt anklagenden Worten eines zum Tode Verurteilten. Boys town ist eine Stadt verwahrloster Kinder, die sie selbst aufbauen halfen und verwalten. Durch handfestes Christentum amerikanischer Prägung und die beispielhafte Persönlichkeit Pater Flanagans (Spender Tracy wie immer liebenswert und natürlich) wird hier gefährdete Jugend erzogen und gebessert. Vor allem aber sollen die Zuschauer erzogen werden, herausgerissen aus der Lauheit, hingeführt zu guten Taten. Das geschieht mit Pistolenschüssen, sentimentalen Tränen und prächtigem, befreiendem Humor in diesem halb dokumentarischen Streifen „aus dem Leben“. Der junge Komiker Michy Roony macht dabei die Wandlung vom wilden Rowdy „mit dem guten Kern“ zum jugendlichen Bürgermeister glaubwürdig.

Auch „Die Andere“ ist ein Film „aus dem Leben“. Ein ernstes Problem: die Ehe heute. Das Thema: Ein Mann zwischen der Ehefrau und der berufstätigen Kameradin. Aber der Fall ist zu banal und alltäglich vorgetragen, ein Privatissimum in Großaufnahmen. Es fehlt die „Verdichtung“, und man kommt sich als Zuschauer so peinlich indiskret vor. Die Vielbeschäftigtheit des Mannes wird durch sausende Spulen und stampfende Maschinen bildlich. Immerhin ein Experiment, wenn auch kein gelungenes (Uraufführung im Waterloo-Theater, ein Kosmosfilm). Erika Müller

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Schwung und Tempo in der Regie Arthur Maria Rabenalts, ein spannendes (freilich in seinem Ausgang unmotiviertes) Drehbuch nach einem Roman von Annemarie Artinger und etwas zu heftige Schnitte machen die „Anonymen Briefe“ (ein Cordial-Film im Capitol, Hamburg) zu einem aufgelockerten und gekonnten Unterhaltungsfilm der deutschen Nachkriegsproduktion. Käthe Haack (sehr routiniert, etwas zu routiniert) ist als die Leiterin einer Schauspielschule das Hauptziel dieser anonymen Briefe, die den Schauspielschülerinnen auf mysteriöse Weise in die Mäntel gesteckt werden und in ihren Herzen arge Verwirrung auslösen. Aber schließlich geht doch alles gut aus durch die Initiative einer Schülerin, die von Petra Peters, sicherlich der begabtesten unter den jungen Nachwuchsschauspielerinnen dieses Films, temperamentvoll und erstaunlich frisch, dargestellt wird. Zwei Kleinigkeiten stören den guten Gesamteindruck: die Prügelei zwischen den beiden Mädchen am Schluß des Films, die peinlich wirken kann, solange sie nicht so übertrieben und gekonnt gezeigt wird wie bei den Amerikanern im „Großen Bluff“, und die kurze Szene, in der der Regisseur Rabenalt sich selbst als „bekannten Filmregisseur“ bildlich und akustisch vorstellen läßt ... P. Hühnerfeld