Die Jurisprudenz gerät bisweilen in Verlegenheit, wenn die Umstände des Lebens ein so großes Maß an Ungewöhnlichkeit annehmen, daß ihnen mit vorgesehenen Paragraphen nicht mehr beizukommen ist: Vier Jahre ist der Krieg vorbei, viele Männer, die schon seit 1941 oder 1942 als vermißt gemeldet wurden, sind bis heute noch nicht zurückgekehrt, und dennoch durften ihre Ehefrauen, die seit sieben oder acht Jahren nichts mehr von ihnen hörten, noch nicht wieder heiraten. Denn niemand der Kameraden hatte den Tod des Ehegatten gesehen – wie es die „spezielle Kriegsverschollenheit“ erfordert. Und nur bei „spezieller Kriegsverschollenheit“ ist eine „Todeserklärung“, die den Tod des Betreffenden amtlich bestätigt, ohne Schwierigkeiten möglich. Allerdings gab es auch eine Regel für die Vermißten eines Krieges – die „gewöhnliche Kriegsverschollenheit“. Wenn man bis ein Jahr nach Friedensschluß von ihnen keinerlei Nachricht hatte, konnten die Angehörigen eine Todeserklärung beantragen. Nun ist aber bis heute noch kein Friede geschlossen, und sicher würden viele junge Frauen alt werden, ehe sie sich wieder verheiraten könnten, wenn sie sich auf das Tempo der Politiker verlassen wollten. – So hat man an den deutschen Gerichten einen „Friedensschlußtag“ provisorisch fixiert und ihn für den 1. Juli 1948 festgesetzt. Das bedeutet: ein Jahr später – also ab 1. Juli dieses Jahres – werden von den Gerichten auf Antrag der Angehörigen Todeserklärungen ausgestellt über alle Vermißten dieses Krieges, die bis heute noch kein Lebenszeichen von sich gegeben halben. Nur auf Grund einer solchen Todeserklärung ist eine neue Eheschließung möglich; nicht etwa schon, wenn eine „Todesfeststellung“ vorliegt (ein vereinfachtes amtliches Verfahren, das die Gerichte vor allem während des Bombenkrieges, als Hunderte unter einem Häuserblock begraben wurden, auf Grund der „Wahrscheinlichkeit“ des Todes der Opfer anwandten).

So erwarten die Gerichte ab 1. Juli eine Flut von Anträgen; sicher werden es Tausende sein, die die Todeserklärung für ihre verschollenen nächsten Angehörigen fordern werden. Das ist ja vier Jahre nach Beendigung des Krieges auch nur zu verständlich. Und doch: Kamen nicht schon Kriegsgefangene aus Rußland zurück, mit denen keiner mehr rechnete? – Was aber geschieht dann mit einem solchen Mann, der amtlich „tot“ ist, der schon beerbt worden, dessen Frau erneut verheiratet ist? Diese Situation – und auch den genauen juristischen Unterschied zwischen „Todeserklärung“ und „Todesfeststellung“ – legt Erich Schubart in seiner Broschüre „Die Ehe vermeintlich Toter“ dar: Der vermeintlich Tote hat das Recht, seine Todeserklärung aufheben zu lassen; die neue Ehe der Frau kann – freilich nur auf ihren Wunsch – für ungültig erklärt werden, damit die alte Verbindung wiederaufgenommen wird. Dennoch wird ein solcher Fall nicht nur juristische, sondern mehr noch persönliche Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen mit sich bringen. Vielleicht wäre das zu überlegen, bevor man eine solche Todeserklärung beantragt; denn dieser Fall ist keine abstrakte Theorie, solange noch ein deutscher Kriegsgefangener in Rußland lebt. H.