Die französische Regierung betrachtet die Annahme ihres Finanzprogrammes als ein inoffizielles Vertrauensvotum und sich selbst damit gesichert. Ministerpräsident Queuille hat sich in diesen kritischen Tagen, als ein offiziell zugestandener Fehlbetrag von 83 Milliarden Francs zu decken war, mit seiner Fähigkeit des Ausgleichens erneut bewahrt, aber doch nur deshalb, weil eine Krise aus außenpolitischen Gründen wenig opportun erschien und die Pläne der Opposition noch nicht ausgegoren sind. Klar traten dagegen schon die Kräfte in Erscheinung, die im geeigneten Augenblick neu vorstoßen und andere politische Verhältnisse schaffen wollen. Ihr Ziel ist: Ausschaltung der Sozialisten, Bildung einer Regierung von der bürgerlichen Linken bis zu den Gaullisten, Reprivatisierung der sozialisierten Wirtschaftszweige; ihr Führer ist zur Zeit Paul Reynaud, könnte aber schon morgen Bidault sein, der sich so sichtbar de Gaulle genähert hat.

Aber bei den meisten fehlt noch der Mut zu einem so radikalen Schritt – und manche glauben, daß Queuille weiterhin so handeln würde, als ob die Sozialisten der Regierung nicht mehr angehörten. Der Ministerpräsident hat sogar das Marc Versprechen gegeben, die nationalisierten Industrien und die Sozialversicherung zu überprüfen. Dank dieser Politik, dank aber auch vor allem dem Marshall-Plan und der guten Ernte, setzten sich im Vorjahr die Aufstiegskräfte eindeutig durch, der Dollar fiel in diesem Jahr am schwarzen Markt von 500 auf 360 Francs, zeitweilig sogar auf 320. Aber diesen Aufstieg darf Man nicht überschätzen. Zwar lebt heute schon wieder mancher Franzose wie Gott in Frankreich, aber doch eben nur mancher. Die wirtschaftlichen und finanziellen Probleme sind trotz Marshall-Gelder und trotz Steuerreform noch nicht gemeistert. Die Finanzmisere verewigt sich bei Ausgaben von fast 2 Billionen Francs und Einnahmen von gut 1 Billion. Finanzkrisen wie in der letzten Woche wird Frankreich in diesem Jahr noch mehrfach erleben, denn die Wirtschaft stagniert seit Monaten, die Kaufkraft hat empfindlich nachgelassen, die Produktion steigt nicht mehr an, die Unternehmer fordern Kredite und Steuersenkungen, die Bauern höhere Preise und die Arbeiter höhere Löhne. Die sozialen Spannungen nehmen empfindlich zu. Hinzu kommen die Querschüsse der Interessenten, und seien es nur die Schwarzhändler, die mit der Legalisierung des grauen Benzinmarktes ihre letzten Möglichkeiten dahinschwinden sehen. Politische Krisen und Experimente könnten bei – dieser Wirtschaftslage das Erreichte in Frage stellen. W. G.