Das allgemeine Vorurteil, wonach die Sparte „Wirtschaft“ (oder „Handel“, wie man früher sagte) in den Tageszeitungen und Zeitschriften schwer lesbar sei und dem großen Leserpublikum nur wenig Anregung biete, mag für den Einzelfall zutreffend sein, ist aber sofort widerlegt und hinfällig, sofern man sich dazu entschließen kann, nebeneinander mehrere Blätter dieser Art in ihrer Stellungnahme zu irgendwelchen kritischen Tagesproblemen zu verfolgen. Eine solche „synoptische Betrachtung“ bietet eine spannende Unterhaltung und bereitet dem Leser, je nach Veranlagung und Interessenlage, mitunter einen herzerfrischenden Ärger, mitunter aber auch großartigen Spaß. Wir möchten wünschen, daß die leitenden Herren bei der Bank Deutscher Länder noch über eine ausreichende Reserve an Humor verfügten, als sie die Pressekommentare zu den jüngsten Entscheidungen des Zentralbankrates zur Kenntnis bekamen. Sie waren nun wirklich, insgesamt betrachtet, weniger geeignet, Zustimmung als vielmehr Heiterkeit zu erwecken.

Eine alte Journalistenregel lautet: wenn du eine Nachricht zu kommentieren hast und nicht recht weißt, wie du nun dein Urteil formulieren sollst, so beginne mit den Worten: „Diese Nachricht kommt nicht überraschend“; das ist immer ein guter und richtiger Anfang; alles übrige ergibt sich dann bei einiger Intelligenz mehr oder weniger von selbst ... Da diese gute alte Regel unseres Metiers offenbar vielfach in Vergessenheit geraten ist – kein Wunder, bei dem, seit 1933 auch in unserer Sparte mehrfach erfolgten Bruch der Kontinuität und der Tradition –, zeigt sich als Ergebnis, daß zwei Gruppen von Kommentaren vorhanden sind: solche mit und solche ohne Überraschung.

Und genau so zwiespältig ist der sachliche Inhalt der Kommentare. Die einen finden, die kürzlich erfolgten Beschlüsse seien gut und richtig, in ihrem sachlichen Wirkungsgehalt zwar nicht besonders gewichtig, als psychologisches Moment, aber immerhin recht schätzenswert. Die andern meinen, daß weder die Diskontsenkung um ein lumpiges halbes Prozent noch die Herabsetzung der Mindestreservesätze die geringste Bedeutung in unserer Situation haben könnten. Ihr Stichwort, heißt (genau so wie in Frankreich, in Österreich) „Kreditspritze“, und die lautesten Rufer im Streit sind entschlossen, die für unsere Währungspolitik verantwortlichen Männer als eine Horde hoffnungslos verkalkter Trottel zu entlarven. Das ist übrigens noch die mildere Form der Kritik: die schärfere besagt, daß sich in der Leitung der Bank Deutscher Länder eine Gruppe von böswilligen Narren zusammengefunden habe, oder ein Gang eiskalt-routinierter Verbrecher, entschlossen, die westdeutsche Wirtschaft zu zersetzen und zu lähmen ...

Da wären also die Stichworte „Zersetzung“ und „Lähmung“. Sie sind von einer bislang im Schatten vegetierenden wirtchaftspolitischen Zeitschrift, die nun, im Kampf gegen die Frankfurter Kreditdiktatur, offenbar ihre große Popularitäts- und Absatzchance gegeben sieht, mit schmerzendem Behagen aufgegriffen worden. Diese Stichworte stammen von keinem Geringeren als dem Düsseldorfer Wirtschaftsminister Dr. Nölting. Ausgerechnet! – So darf man diesmal wohl sagen: ausgerechnet von Herrn Professor Nölting, der Ende März auch schon zu der Erkenntnis vorgestoßen war, die andere bereits ein gutes Vierteljahr vorher konzipiert hatten, daß nämlich „die Symptome für einen Konjunkturumschwung nun erkennbar seien“. Um nicht noch einmal wegen verspäteter Prognosen verlacht zu werden, schlägt er kräftig auf die Pauke: „Lähmung!“ – bums! – „Zersetzung!“ – bums! Das Echo, das ihm aus dem erwähnten Blättchen entgegenkam, mag Prof. Nölting zeigen, in welche Gesellschaft er sich damit begeben hat. Für die wirtschaftswissenschaftlichen Qualitäten dieser Art von Kritik ist kennzeichnend der Satz, daß es „aus nicht erklärlichen Gründen“ überall an Geld fehle. Die Unzulänglichkeit der kritischen Position kann nicht besser umschrieben werden, als durch diese Selbstbloßstellung, durch das dekuvrierende Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit, den Sachverhalt zu analysieren, den man als das zentrale Übel unserer Zeit bezeichnet.

In einer Zuschrift aus unserem Leserkreis, die sich mit dem gleichen Thema beschäftigt, wird zu einem Einzelpunkt noch folgendes gesagt: „Daß eine altrenommierte Konservenfabrik in den Vergleich gehen mußte, ist nach dieser Darstellung (natürlich!) ganz allein die Schuld einer absichtlich schlechten Geldpolitik, also der Zentralnotenbank und – versteht sich – des Prof. Erhard. Ob vielleicht auch andere Dinge mit schuld gewesen sein können, wie Großmannssucht, schlechte Lieferungen bei Großbezügen im Kompensationsgeschäft mit der öffentlichen Hand, Fehldispositionen und ausgesprochener Mangel an Unternehmerqualitäten: das wird gar nicht erst in Erwägung gezogen.“ Unser Gewährsmann begnügt sich nicht damit, diesen einen Punkt zu behandeln, sondern liefert auf drei Briefseiten, deren Wiedergabe nun hier freilich zu weit führen würde, eine Kritik punctum contra punctum, die man mit Vergnügen und Beifall zur Kenntnis nehmen kann.

Übrigens, ist der Streit über die kredit- und währungspolitischen Prinzipien, wie sie im Haus an der Taunusanlage in .Frankfurt angewandt werden, und die Diskussion über die „richtige“ Bewertung und Analyse der ökonomischen Grundfakten, um die es hierbei letztlich geht, neuerdings nicht mehr auf deutsche Gesprächspartner und -gegner beschränkt. Die Sache hat mittlerweile große Wellen geschlagen: bis in die Bipartite-Instanzen hinein. Zuerst kam ein Bericht des „alliierten Verbindungskomitees für wirtschaftliche Entwicklung“, gerichtet an die Militär“ gouverneure, zu dem Urteil: „Die Geldknappheit erdrosselt die westdeutsche Wirtschaft.“ Am Tage darauf aber erklärte Colonel Jones Chef der Bipartite-Finanzkontrollgruppe, die Situation werde von alliierter Seite nicht als alarmierend angesehen: „Die Finanz- und Wirtschaftslage der Doppelzone ist gesund.“ Vorhandene Schwierigkeiten würden sich nach und nach bereinigen lassen; die Entwicklung sei stets unter Kontrolle geblieben. Es gebe insofern keine Meinungsverschiedenheiten zwischen den Gouverneuren und ihren Finanzberatern, Wenn in dem oben Stierten Bericht des Komitees mit dem langen Namen einige Schwierigkeiten aufgezeigt worden seien, so sollte, dies nicht als Alarmsignal aufgefaßt werden.

Das Signal „Gefahr“ ist nun freilich doch gezogen worden, allerdings von einer ganz anderen Seite: von der Reichsbahn nämlich, in ihrer Ankündigung, daß sie vorläufig nicht in der Lage sei, vereinbarte Lieferungen abzunehmen – sie also zu bezahlen. Diese partielle Zahlungseinstellung (anders läßt sich der Tatbestand kaum bezeichnen) hat nun allerdings in der Öffentlichkeit längst nicht die Beachtung gefunden, die sie beanspruchen kann, und merkwürdigerweise zeigt sich gerade der „katastrophenfreudig“ gestimmte Teil unserer Wirtschaftspublizistik recht lasch bei der Kommentierung dieses neuesten Faktums, das ja eigentlich durchaus in ihren Streifen passen müßte. Oder sollte dort doch die Einsicht vorhanden sein, daß nicht Geldknappheit, wie es die Vulgär-Nationalökonomie unserer Zeit behauptet, das auslösende Moment für die Entwicklung bei der Reichsbahn gewesen sei, sondern Mangel an Betriebs- und Investitionskapital? So liegen die Dinge freilich im Grundsätzlichen. Trotzdem ergibt, sich, aus der Abnahmeweigerung der Offenbacher Verwaltung, ein, „Überkippen“ aus der Kapital- in die Geldsituation; die weiteren Auswirkungen (man sollte nicht gleich von einer „unvermeidlichen Kettenreaktion“ sprechen) vollziehen sich also gewissermaßen auf der „Nahtstelle“ zwischen Kapital und Geld. Die Bahn kann nicht zahlen, weil die ihr zugesagten Kapitalmittel bisher ausgeblieben sind – ihre Lieferanten und deren Vorlieferanten sitzen damit in einer Geldklemme, weil die Gegenwerte für die bei ihnen bestellten und auf Abruf bereitliegenden Lieferungen nicht eingehen, über die von den Betrieben, als über sichere Eingänge, bereits entsprechend disponiert war. Das ist eine böse Überraschung, die zu sehr gefährlichen Entwicklungen führen könnte, falls nicht rechtzeitig eingegriffen wird. Allerdings ist die Hilfe bereits auf dem Marsche.