Uneinig wie die Sozialisten ist in Italien beinahe schon ein geflügeltes Wort geworden, Seit 1947 vergeht kein Nachkriegs-Parteitag der Linkssozialisten ohne Spaltung. In jenem Jahre kehrten Saragat und die Seinen der Partito Socialista di Unita Proletaria, wie sich die alte Partei der Matteotti, Turati und Treves damals noch stolz nannte, den Rücken und gründeten in der PSLI (Partito Socialista dei Lavoratori Italiani) eine zweite sozialistische Partei. Auf dem römischen Kongreß ein Jahr später sprang dann Ivan Matteo Lombardo ab, heute Handels- und Industrieminister, und Mitte Mai dieses Jahres, in Florenz, war; die Reihe, schließlich an dem alten „Zauderer“ Giuseppe Romita und seinen Autonomisten. Zwar trat er nicht wie Saragat und Lombardo freiwillig aus, sondern wurde offiziell ausgeschlossen, aber diesen Hinauswurf hatte das runde, runzlige Männchen wohl bewußt provoziert, als er nach der knappen prokommunistischen Abstimmung – 51 v. H. erklärten sich mit Nenni und dem „piccolo Lenin“ Basso für Aufrechterhaltung der Aktionsgemeinschaft mit Togliattis Kommunisten – seinen Appell an alle „aufrichtigen Sozialisten“ richtete, sich zu einem neuen Gebilde zusammenzuschließen, zur „einzigen wahren italienischen sozialistischen Partei“.

Das Verhältnis zu den Kommunisten ist die alte Streitfrage der italienischen Sozialisten. Die Nennianer haben sich dabei von Anfang an für engste Tuchfühlung mit den Linksradikalen entschieden, Saragat, Lombardei und andere waren für Unabhängigkeit, gerieten dabei in gewisser Weise aber zu sehr nach rechts und züchteten durch ihren Eintritt in die Regierung neue Spaltpilze in den eigenen Reihen,

Romitas neuer Appell hatte schon aus diesem Grunde Chancen. Durch die Erklärung, daß ein echter italienischer Sozialismus zwar antikommu-Bistisch sein, gleichzeitig aber in Opposition zur gegenwärtigen Regierung stehen müsse, sind die Netze geschickt nach zwei Seiten, ausgeworfen. In ihnen sollen sowohl die vielen Wankelmütigen gefangen werden, die den Linkssozialisten noch nicht endgültig den Laufpaß gegeben haben, als auch die Unzufriedenen in der Mitte und auf dem linken Flügel der Saragat-Partei, denen ihr eigener Chef schon zu „amerikanisch“ geworden ist. Als Lockmittel gegenüber den Nenni-Genossen hat Romita den Bannstrahl des Komitees für internationale sozialistische Zusammenarbeit (COMISCO) zur Hand, das die Nennianer noch während des Florentiner Kongresses aus ihren Reihen ausgeschlossen hat, gegenüber den Saragatianern soll die These wirken, daß nur in voller Freiheit von links und rechts ein neuer, echter italienischer Sozialismus wieder auferstehen kann. Daß der Marshall-Plan von Romita bejaht wird, spricht für seinen wirtschafts- und außenpolitischen Realismus.

Noch ist nicht entschieden, ob Romita und sein Kreis eine eigene, dritte sozialistische Partei gründen werden oder ob es mit den Saragatianern zu einer Verständigung kommt. Die Fäden zu Saragat sind schon gesponnen. Als Mittelsmann fungiert Ignazio Silone, der bisher zwischen Nennis PSI und Saragats PSLI geblieben ist. Auf einem „Einigungskongreß“, dessen Datum noch nicht feststeht, soll die letzte Entscheidung fallen. Der Aufruf dazu wurde unter anderem auch von Mondolfo unterschrieben, dem neuen Parteisekretär der PSLI, der in manchen wichtigen Fragen als Gegner Saragats gilt. Eine Einigung zwischen Romita und Saragat ist wohl nur in Form eines Kompromisses möglich, wobei Romitas Forderung auf Austritt der Saragatianer aus der gegenwärtigen Regierungskoalition aber die Mindestbedingung sein dürfte... Das aber würde eine Regierungskrise bedeuten.

Giuseppe Romita, der zu seinen Anhängern vor allem auch viele Gewerkschaftler zählt, hat in dem gerade erst begonnenen Spiel schon manchen guten Trumpf in der Hand. Seine Forderung nach Handlungsfreiheit und konstruktiver sozialistischer Opposition kann auf, Echo auch in den Kreisen des italienischen Volkes rechnen, die historisch der sozialistischen Linie nicht unbedingt verpflichtet sind. Noch niemals ist der Ruf nach einem kräftigen laizistischen, Gegengewicht gegen die christlichen Demokraten so stark gewesen wie gerade heute. –i.