Am 19. Mai 1948, einen Tag vor der Vollstreckung von zwölf Todesurteilen aus dem sogenannten Malmedy-Prozeß, befahl der damalige US-Heeresminister Royal! den Aufschub der Exekutionen. Grund für diesen Befehl war der begründete Verdacht unzulässiger Gewaltanwendung während der Beweisaufnahmen. Das, was einer der Vernehmungsoffiziere vor Gericht harmlos als persuasive methods, als Methoden zur Lockerung der Zungen, bezeichnet hatte, sollte etwas näher untersucht werden. Dies war der Vorgang.

Vom Dezember 1945 bis Anfang Mai 1946 wurden im Zuchthaus von Schwäbisch Hall 600 bis 700 Mannschaften und Offiziere der 1. SS-Panzerdivision zu der Erschießung von 40 bis 70 amerikanischen Soldaten bei Malmedy vernommen. 74 von ihnen kamen schließlich vor Gericht, 43 wurden zum Tode durch den Strang, 22 zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Die ersten kaum glaublichen Nachrichten über brutale Geständniserpressungen durch das Vernehmungspersonal drangen durch den Revisionsantrag und eine Petition des amerikanischen Verteidigers, Oberst Willis L. Everett an die Öffentlichkeit. Das Oberste US-Bundesgericht erklärte sich für unzustänständig. Aber Everett war nicht der Mann, sich widerspruchslos zum Mitwisser scheußlicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit machen zu lassen. Zwei Jahre lang führte er den Kampf für seine Mandanten und gegen die Vernehmungsoffiziere auf eigene Kosten weiter. Er erreichte schließlich, daß General Clay nur zwölf Todesurteile bestätigte und daß Kenneth C. Royal! als US-Heeresminister eine aus den Richtern Edward van Roden und Gordon Simpson bestehende Untersuchungskommission einsetzte, die im August und September vorigen Jahres von München aus Oberst Everetts Angaben und ähnliche Vorgänge aus; anderen Prozessen durch direkte Befragung der Betroffenen nachprüfte. Das Resultat dieser Untersuchung wäre völlig unglaubhaft, wenn wir es nicht aus dem Munde des Richters und Kommissionsmitgliedes van Roden selber erfahren hätten, der im Januar 1949 darüber verschiedene Vorträge in Amerika gehalten hat. Körperliche Mißhandlungen und ausgeklügelte Folterungen brutalster Art durch amerikanische Offiziere und Angestellte sind in Schwäbisch Hall an der Tagesordnung gewesen. Ihr kalter Zynismus machte weder vor dem Kreuz, das bei nächtlichen Scheingerichten aufgestellt wurde, noch vor der Priesterkutte halt, unter der versteckt Vernehmungsagenten den zerschundenen und gebrochenen Zwanzigjährigen Beichten abnahmen. Obgleich das Gericht durch die Verteidiger auf das gewaltsame Zustandekommen der „Geständnisse“ und belastenden Aussagen aufmerksam gemacht war, ließ es ihre Beweiskraft zunächst gelten.

Wir wollen und werden nicht in den Fehler verfallen, solche Unmenschlichkeiten anderen vorzuwerfen als nur den Individuen, die ihre Hände und ihre Gewissen damit besudelt haben. Aber wir denken voll Schauder mit allen denen in den Vereinigten Staaten, die von diesen Vorgängen erfahren haben, daran, daß man stillschweigend ein Sonderrecht der Sieger bestätigen und damit für die Zukunft unermeßlichen Schaden stiften könnte. Der Simpson–van Rollen Bericht wird zur Zeit vor einer Kommission des Armeeministeriums verhandelt. Der Justizausschuß des Senats ist aufmerksam geworden und hat im April den Senator Joe McCarthey abgeordnet, um zur Wahrung des Ansehens der amerikanischen Justiz an diesen Verhandlungen teilzunehmen, Am 20. Mai hat jedoch McCarthey der Presse folgende Äußerung übergeben:

„Ich wünsche bekanntzugeben, daß ich an den Verhören des Armeekomitees, welches die Kriegsverbrechen untersucht, nicht länger teilnehmen werde. Ich bin erst nach langem Zögern zu diesem Entschluß gekommen, aber ich kann mit gutem Gewissen nicht länger teilnehmen. Seit dem 18. April 1949 war ich bei den Sitzungen dieses Komitees anwesend, habe die Verhandlungen gehört und Kreuzverhöre von Zeugen durchgeführt. Dies hat mich von mehreren Dingen überzeugt: Das Komitee ist nicht aufrichtig in seiner Untersuchung! es ist nicht gewissenhaft in seiner Verfolgung der Tatsachen.

Als praktischer Anwalt und als Richter des Kreisgerichtes in Wisconsin kenne und achte ich das amerikanische System dir Justiz. Ich glaube, die Welt hat eine Demonstration amerikanischer Rechtspflege erwartet, die selbst auf unsere besiegten Feinde angewendet werden soll. Statt dessen sind Gestapo- und OGPU-Methoden angewandt worden. Ich habe Zeugenaussagen gehört und dokumentarische Beweise gesehen, die besagen, daß angeklagte Personen Schlägen und körperlichen Mißhandlungen unterzogen wurden in Formen, wie sie nur von kranken Gehirnen erfunden werden konnten. Sie wurden Scheinprozessen und -hinrichtungen ausgesetzt, man drohte, ihre Familien der Lebensmittelkarten zu berauben, welches alles die Ankläger rechtfertigten als notwendig zur Schaffung ‚der richtigen psychologischen Atmosphäre zur Erlangung von Geständnissen Ich bin fest davon überzeugt, daß unschuldige Personen ebensogut wie schuldige, auf diese Weise in die „richtige psychologische Atmosphäre‘ versetzt, Geständnisse machen oder alles und jedes bestätigen werden. Ich will nicht, daß mörderische Nazis freigesetzt werden. Ich will nur, daß Unschuldige geschützt werden gegen Hitlermethoden, faschistische Art der Befragung und bolschewistische Formen der Rechtsprechung.

Ich klage das Komitee der Furcht vor den Tatsachen an. Ich klage es an des Versuches, eine schändliche Episode in der Geschichte unserer ruhmreichen Armee reinwaschen zu wollen. Ich klage es an, ein Unrecht geschaffen zu haben, das – von nur wenigen Mitgliedern der Armee begangen – dennoch den guten Namen von Millionen Männern und Frauen schändet, die mit Tapferkeit und Auszeichnung gedient haben. Ich klage es an der Sabotage an unseren Anstrengungen, die wir unter dem europäischen Wiederaufbauprogramm machen. Wenn diese Reinwaschung gelingt, dann können die Vereinigten Staaten niemals mehr gegen den Gebrauch derartiger Methoden von selten totalitärer Länder protestieren. Wenn die Vereinigten Staaten solche Handlungen einiger weniger Männer ungesühnt lassen, dann kann fortan die ganze Welt für alle Zeit uns kritisieren und unsere Motive in Frage stellen.“

Offenbar sind wir mit vollem Recht besorgt, es könnten Taten, für welche die einen an den Galgen kommen, den anderen straflos nachgesehen werden, weil sie die Sieger sind. Das wäre unerträglich. Man nennt in den USA die dem Malmedy-Prozeß zugrunde liegenden Vorgänge den „crossroad-incident“, den Kreuzwegfall, weil die Gefangenen an einer Straßenkreuzung am Ausgang von Malmedy ermordet worden sind. Wir meinen, dieser Kreuzweg von Malmedy sollte im Sinne einer die ganze zivilisierte Menschheit umfassenden Rechtsauffassung zum Scheideweg amerikanischer Justiz auch gegenüber den eigenen Staatsangehörigen werden. C. D.