Ein Wort über Vercors

Eine französische Zeitung hat, wie „Die Zeit“ bereits mitteilte, dem Verfasser der viel bewunderten, viel übersetzten und viel zitierten Novelle „Schweigen des Meeres“, Vercors, die Frage gestellt, ob er die Novelle des deutschen Dichters Rudolf G. Binding „Unsterblichkeit“ kenne. Ein Vergleich der beiden literarischen Werke ergibt nämlich eine erstaunliche Ähnlichkeit in Idee und Handlung. Noch während des Krieges hatte sich der mit bewundernswertem Instinkt begabte Arthur Koestler zum „Schweigen des Meeres“ geäußert, und zwar in einer von der Kollektivbegeisterung abweichenden Art: „Psychologisch ist die ganze Erzählung unecht, aber politisch ist sie noch schlimmer ... Der Verfasser haßt deutlich den Gedanken, daß die Loyalität eines Mannes gegenüber seiner politischen Überzeugung seine patriotische Loyalität zurücksetzen kann ... das Problem des jetzigen Krieges wird zu einer finsteren patriotischen französisch-deutschen Allegorie im Ausdruck von 1870 oder eher noch von 1815 ... Das allerschlimmste an diesem Buch ist. die Mischung von Minderwertigkeitskomplexen und Arroganz. Wenn jemals ein edler, wohlmeinender, altruistischer Freund Frankreichs existiert hat, dann ist es dieser Wunschtraumheld von Ebrennac (der deutsche Offizier des Buches), der seine Ergebenheit bis zum Selbstmord bewahrt. Warum ihn dann mit diesem dummen und arroganten Schweigen bestrafen? Nur weil dieser aufgeklärte Anti-Nazist von deutschen Eltern geboren ist? ... Es ist Zeit, daß die Bewunderer der großen kulturellen Tradition Frankreichs, lernen, zwischen der Glorie der wirklichen Märtyrer und den prismatischen Verirrungen ihrer eigenen, durch Krankheit geätzten Augen zu unterscheiden.“

Soweit Koestler. Auf die Frage der französischen Zeitung hat Vercors noch nicht geantwortet. Aber zu Koestlers kritischen Einwendungen hat er sich geäußert, allerdings unbewußt: im Kravtschenko-Prozeß erklärte der Zeuge Vercors, daß er und die anderen kommunistischen Partisanen diesen Russen als Verräter betrachtet hätten

Die Antwort charakterisiert das „Schweigen des Meeres“ als leeres Geschwätz. In dieser Novelle wird der Deutsche, der sich vom verhaßten System seines Landes abwendet, von den Angehörigen eines anderen Volkes, die dieses System ebenfalls hassen, verachtet. Also nicht dem Nazi gilt die Abneigung Vercors’, sondern dem Deutschen, der kein Nazi ist. Die Stellungnahme des „Dichters“ im Prozeß zeigte, daß auch der Russe verachtet wird, der aus guten, einleuchtenden Gründen nicht mehr Sowjet-Russe sein will. Er wird als Verräter gestempelt. Verräter woran? An Rußland?

Die Welt wirft uns Deutschen vor, daß wir uns nicht rechtzeitig und gründlich vom verhaßten System selbst befreiten. Was wirft uns denn der Freiheitsdichter Vercors vor? ^P.Chr.B.