Sie saßen im Lesesaal des Pyrmonter Kurhauses und spielten ihre Partien. Sie waren die 36 Schachexperten, die sich in dem gepflegten Bad im Wesergebirge getroffen hatten, um. den deutschen Schachmeister 1949 zu ermitteln. Sie saßen insgesamt 14 Tage da (einige Stunden pro Tag natürlich), aber wer ihnen bei ihrem Spiel zusah, ihre unbeweglichen Mienen musterte, konnte glauben, sie säßen vor ihren Brettern dort seit Jahren und würden auch noch einige Jahre dort sitzen.

Die Deutschen – so konnte man in Pyrmont erfahren –, sind eine Schachnation, und sie würden vielleicht im Schach die bedeutendste Rolle spielen, wenn – ja wenn Rußland nicht wäre. Denn noch keiner hat den unvergleichlichen russischen Weltmeister Aljechin – er starb 1946 in Lissabon – erreicht, und in Pyrmont wurde ebenfalls ein Russe, der Emigrant Bogoljubow, deutscher Schachmeister dieses Jahres. Das königliche Spiel, das vor langer Zeit aus Indien von den Mauren nach Europa gebracht wurde, wird aber auch im Morgenland heute noch gespielt: König Abdullah von Transjordanien zum Beispiel soll ein ebenso guter Schachspieler wie Politiker sein; und Henry Pu-Yi, dem Mann, der einmal Kronprätendent von China, später Kaiser der Mandschukuo von Japans Gnaden war, ist heute – in einem kleinen Ort an der sibirisch-mandschurischen Grenze – vom einstigen Glanz auch nicht mehr geblieben als das Schachbrett und die resignierte Aussage: „Das Leben ist ein Schachspiel – nur nicht so gut zu berechnen.“

Ja, Schachspieler sind – auch ohne daß ihnen das Schicksal so mitspielt wie dem armen Pu-Yi – meistens große Skeptiker. In ihrem Spiel mit den Möglichkeiten des Intellekts und der geistigen Intuition stoßen sie immer wieder auf eine Tragik des Menschen: daß er, immer wenn er eine Möglichkeit zur Wirklichkeit werden läßt (und das bedeutet es für den Schachspieler, wenn er einen Zug tut), andere Möglichkeiten auslassen muß, die später oftmals günstiger erscheinen als die gewählte.

Sicherlich stimmt es nicht, daß die berufsmäßigen Mathematiker vor anderen Spielern ein Prä besitzen. Hier, unter den 36 Experten in Pyrmont, saß nur ein Studienrat der Mathematik; andere Spieler waren Ingenieure, Studenten, Kaufleute oder Gastwirte; die rein schöngeistigen Berufe allerdings waren nur durch einen Schriftsteller vertreten (und der rangierte dann auch im letzten Drittel der Wertungstabelle). – Es gibt auch weibliche Schachgrößen, In Pyrmont freilich kibitzten sie nur (sie fühlten sich noch nicht stark genug und wollten ihr Prestige nicht leichtfertig gegen die Männer aufs Spiel setzen). P. H.