Von Frans G. Bengtsson

Zweitausend Jahre sind selbst für die Unsterblichen ein beachtliches Alter, und ein wenig vom Staub der Jahrhunderte ist beiläufig auch auf Vergilius und sein Werk gefallen. Im Munde der, Menschen ist er nun nicht mehr der Dichterkönig, wie er das im ersten Jahrtausend war; auch schlägt man sich heute nicht mehr – weder mit Säbel und Dolch, noch mit Argumenten und gelehrten Unverschämtheiten – um die Frage: ob Vergil oder Homer der größte Epiker sei? – Dinge, die man mit Liebe und Lust zur Zeit der Renaissance betrieb, damals, als literarische Angelegenheiten noch ernst genommen wurden.

Sogar von der Haltung des achtzehnten Jahrhunderts haben wir uns ein Stück entfernt; die Ehrfurcht scheint abgenommen zu haben; die leidenschaftliche Ergriffenheit von damals ist bedeutend gemildert. Wer liest heute Vergil mit denselben Gefühlen wie die Zeitgenossen eines Montaigne oder eines Gibbon?

Wenn man so fragt, läßt man dem Dichter jedoch nicht völlig Recht widerfahren, denn diese Frage trifft alle, die seinesgleichen sind.

Keine Wahrheit ist platter und abgenutzter und macht sich für uns alle betrüblicher geltend als die: daß wir ungern einen Schriftsteller lesen, der uns nicht direkt zu Herzen geht, wie man zu sagen pflegt; am liebsten hätten wir nur solche Werke in Händen, denen eine Lebensdauer von ungefähr vierzehn Tagen bestimmt ist und die nur garantiert „Wahre Geschichten aus den Leben“ enthalten.

Im Wettbewerb mit solchen hätte Vergil nur geringe Chancen; aber das liegt nicht nur an ihm. Selbst wenn wir annehmen, daß außer einer Anzahl von grimassenschneidenden Schuljungen kaum jemand ihn wirklich liest, so ist damit das letzte Wort über seine unverminderte Bedeutung für die Menschheit noch lange nicht gesprochen. Die Unsterblichen werden nicht sehr berührt davon, daß man sie nicht liest; sie leben auf andere Art ein stärkeres Leben. Dichter wie Vergil müssen von einem anderen Standpunkt aus, nämlich von dem der Volkswirtschaft, betrachtet werden; das gibt gleich ein ganz anderes Gefühl ihrer harmonischen Zweckhaftigkeit und schafft klarere Begriffe von ihrer Bedeutung. P. Vergilius Maro lebte zur Zeit des Kaisers Augustus, also im römischen goldenen Zeitalter und war der Sohn eines Töpfers in Mantua. Wenn es sich in diesem römischen goldenen Zeitalter so machte, daß man kein Aufständischer und auch kein gedankenloser Tagedieb war, wie Ovid, sondern eine ruhige, friedliche und philosophisch angelegte Natur hatte, die sich ausschließlich im Hervorbringen guter Verse auslebte, wenn man dazu noch fleißig in der Werkstatt arbeitete und sich Von Sorgen um das Zeitliche freihielt, dann konnte man sich damals sogar als Dichter recht wohl fühlen.

Von dieser friedlichen Art war Publius Vergilius Maro. Mehr als 2000 Geburtstage hat er heute schon hinter sich, aber immer noch steigen hier und da in der Welt seine gelehrten Bewunderer auf die Katheder, um die Resultate ihrer Grübeleien, die gewissen vergilianischen Angelegenheiten gelten, vorzutragen: Grübeleien über Vergils Botanik, über seine Belesenheit und seine Zäsuren; über den Namen seiner Mutter Magia und dessen Zusammenhänge mit dem Ruf, den der Dichter im Mittelalter als Zauberer genoß; über seine eventuell-keltische Schwermut, über die Topographie seines Landgutes und dergleichen mehr.