Als im Herbst 1947 der junge Günther Neu-< mann im Berliner „Ulenspiegel“ mit Seinem „Schwarzen Jahrmarkt“ den ersten eigentlichen Theatererfolg der Viersektorenstadt nach dem Zusammenbruch für sich buchen konnte, schien es, als sei die vieljährige Tradition des Berliner Kabaretts zu neuer Blüte erwacht. Es blieb ein einmaliger Erfolg, der seine Wirkungen aus der ungewöhnlichen Kraft des Pointenreichtums zog, der dem dichtenden und komponierenden Autor zur Verfügung stand. Kabarett? Es war eine politisch-moralische Revue Günther Neumanns, die sich nur der überkommenen Instrumente des Kabaretts bediente, in der Substanz aber ein geplanter und architektonisch gebauter Spiegel der Zeit war.

Daß daneben die unvergängliche Figur des alten Kabaretts Willi Schaeffers, mit dem Namen des „Kabaretts der Komiker“ in Berlin umherzog, gehört noch zum alten Dekor der Stadt; und mit der „Melodie der Straße“ gelang auch ihm eine liebenswürdige Paraphrase über das Thema Berlin. Aber Schaeffers lebte vor allem von seinem Namen; mit den Verwandlungen, in die die Welt nach 1945 geworfen worden ging er nur behutsame Verbindungen ein. Seine neue Kabarettfolge „Lange Nacht“, die ihm Bruno Balz und Hermann Krause schrieben, beweist dies zum weiteren Male. Das dünne Vergnügen, sich der von keinem Publikum heimgesuchten „Langen Nächte“ in den Tanzdielen und Bars anzunehmen, wird mit ein paar Chansons und Parodien aufs Gegenwärtige angereichert; doch die erwartete funkelnde Brillianz der Conferenciers, die die Stichworte der täglichen Launen zu kleinen Feuerwerken hätten hochschrauben müssen, blieb aus. Dabei ist es nicht etwa der Mangel an einem Ensemble –: das. hielt Schaeffers noch immer gut zusammen, sondern es ist der Mangel am Einfall überhaupt, der die Lage schwierig macht. Und die Erinnerungen an die großen Zeiten des Kabaretts, an Kati Kobus und die elf Scharfrichter, an Wedekind und Bierbaum, an Ringelnatz, an den jetzt in Stuttgart wirkenden Werner Finck und die großen Conferenciers der Berliner Epoche, die Schaeffers unermüdlich beschwört, bringt gerade ihm den Glanz des alten literarischen Kabaretts – vorerst wenigstens – nicht zurück.

Dafür aber können die Berliner am anderen Platz, im Theater am Kurfürstendamm (der ehemaligen Reinhardtbühne, die seit einem halben Jahr mangels Theater-Attraktionen Uraufführungskino geworden ist) eine ganz besonders delikate Erinnerung auffrischen. Rudolf Nelson ist aus der Emigration in die Stadt zurückgekehrt und hat zu seinen ungezählten alten Melodien, deren Texte einst nicht selten von Tucholsky und Felix Holländer wären, gute zwei Dutzend neue komponiert, für die Günther Neumann die Texte schrieb. Daraus ist eine kabarettistische Revue geworden, die die Berliner Kleinkunst wieder in Schwung gebracht hat. „Berlin W Weh“ heißt sie, und ohne daß ein conferierender Sprecher diese mehr als 20 Bilder miteinander verknüpft, ist hier ein Bild des heutigen Berlin mit seinen grotesken Wirklichkeiten und seinen prallen Sehnsüchten zustande gekommen. An den Flügeln sitzen unten, dicht aneinander gerückt, der quicke Siebziger Rudolf Nelson und der blonde Günther Neumann, und die Schmiegsamkeit der Nelsonschen Chansons und ihr prickelnd eingängiger Rythmus sind eine Ehe mit dem vergnügt die Takte Nelsons schlagenden Text-Satiriker Neumann eingegangen, wie dies bei der Eigenwilligkeit dieser beiden Typen und ihrer beträchtlichen Generationsverschiedenheit kaum zu erwarten war. Die ungereimten und gereimten Seiten- und Tiefenblicke Neumanns in die Berliner Situation haben diesmal freilich nicht die aufreißende, ätzende Tinktur der Selbstkritik des „Schwarzen Jahrmarktes“ und nicht einmal mehr die der schon aufgeweichten Filmfassung der „Berliner Ballade“, aber die Pointen sind aus der gleichen Instinktsicherheit und dem gleichen Temperament für das Wesentliche geschöpft – selbst dort, wo sie nur der Sehnsucht des Heimgekehrten nach dem verklungenen Berlin die reichen Molltöne der guten Erinnerung lassen.

Erstaunlich ist die lebendige Prägnanz, mit welcher der mehr als 15 Jahre von Berlin entfernt gewesene Nelson dem einfallsreichsten unter den Kabarettisten unserer Tage, Günther Neumann, mit der Spur seiner Melodien wunderbar zu folgen vermag. So wird am Berliner Kurfürstendamm mit der Wiederkehr eines Unvergessenen und dem Esprit eines Jungen noch einmal der kecke, frische Geist Berlins beschworen – und die aus der Blockade erlöste Stadt weiß diese Renaissance dankbar und enthusiastisch zu feiern. K. W.