Es könnte wohl sein, daß es also geschähe am Ende der Zeiten, auf diesem verlorenen Stern, unter diesen Menschen, die statt des Segens den Fluch wählen, immer wieder.

Nun sind es ihrer freilich nicht mehr viele. Und wer sie zählen wollte, hätte nur wenig Mühe damit, außer der einen: sie ausfindig zu machen in ihren Verstecken. Denn bei den Meldeämtern der Städte fände der Zählende keine Hilfe, denn es gibt weder Ämter noch Städte. Es gibt sehr vieles nicht mehr. Es hat sich einiges geändert auf der Erde oder nahezu alles. Es gibt keine Völker mehr, keine Länder, die Grenzen sind aufgehoben, die Menschheit ist aufgehoben, und sie hat es selber zuwege gebracht. Den paar hundert Davongekommenen und Hinterbliebenen käme es wohl nicht in den Sinn, sich noch als die Menschheit zu bezeichnen.

Was geschehen ist? Nur das Alte und Übliche, das ruhmvoll Unrühmliche, das unmenschlich Menschenmäßige. Eine jener selbstverschuldeten Katastrophen ist geschehen, die man früher einmal Kriege nannte und auf die man lange Zeit sogar stolz war. Jetzt ist zum endgültig letzten Male Krieg gewesen. Das ist nun kein frommer Wunsch mehr, kein Programmpunkt eines Bundes mündig gewordener Völker, nein, dieser letzte Krieg hat auf seine Weise das Ende gültig gemacht. Es ist untersiegelt mit dem Stempel eines unauslöschlichen Grauens. Der Krieg selbst hat das letzte Wort gesprochen. Nicht von großen Heeren ist er ausgefochten, nicht mit Waffen ist er ausgekämpft worden. Man hat ihn mit Kampfmitteln geführt, die in den Giftküchen der Wissenschaft, in den pysikalischen, chemischen, bakteriologischen Laboratorien ersonnen wurden. Man war ja einer gewissen Energie auf die Spur gekommen, mit der man sich alles zutrauen konnte; man hatte ja gewaltige Wirkstoffe und geheimnisvolle Strahlen entdeckt und das Rätsel der Kettenreaktionen entschleiert. Diesmal sind es nun wirklich die Radikalmittel gewesen, und sie haben die Wurzeln allen Lebens versengt. Diesmal ist die Kette der Reaktionen wirklich um die ganze Erde gegangen, und sie hat nichts ausgelassen. Man hat erdbebenhafte Kräfte entfesselt, und was von Menschenhand war, ist hingefallen. Man hat, wie einst die gepanzerten Geschwader zu Lande und in der Luft, künstliche Seuchen gegeneinander geschickt, und es war auf allen Seiten ein voller Erfolg. Aber auch die Erde selbst, die Natur ist nicht verschont geblieben. Unter dem Einfluß der entbundenen Gewalten, der giftigen Wirkstoffe, der zerstörenden Strahlen sind alle Wachstumskräfte erloschen. Da grünt nichts mehr, da blüht nichts mehr, da trägt nichts mehr Frucht. Wo noch Bäume sind oder Wälder, starren sie entlaubt und verdorrt in eine tote Luft. Wo sind die Winde? Entflogen. Und wo die Gewässer? Versickert. Die Erde antwortet nicht mehr mit den Jahreszeiten auf den Anruf der Sonne. Es gibt nur noch Tag und Nacht. Die Nacht ist undurchdringlich schwarz, unwiderruflich sternlos. Der Taghimmel ist gleichmäßig grau, es scheint, daß eine zähe, unbewegbare Dunstschicht den ganzen Erdball umschließt. Hinter dem reglos Grauen wandert, ein heller glanzloser Fleck, die Sonne und hält den Tag notdürftig aufrecht.

Zu dieser matten Helligkeit sehen die Übriggebliebenen immer wieder hinauf, nicht in der alten Zuversicht, eher zweifelnd, ob ihnen nicht auch noch diese letzte Hand voll Licht genommen werde. Sie leben – leben sie wirklich? – in einer Stadt, die keine Stadt mehr ist, sondern nur noch eine einzige Ruine, ein gigantischer Schuttberg. Es muß eine merkwürdige Stadt gewesen sein, rund und terrassenförmig gebaut inmitten einer Ebene, von allen Seiten ansteigend nach der Mitte, und in diesem Hügelzentrum der City müssen riesige Turmhäuser gestanden haben. Das alles ist zusammengestürzt zu gewaltigen Trümmerhalden. Keiner von denen, die hier leben, weiß den Namen der Stadt, denn keiner ist in ihr geboren. Von überallher haben die Stürme des Untergangs sie hier zusammengeweht, das Nichts im Nacken, den Tod im Rücken. Was sollen sie von sich halten? Sind sie Erwählte oder Verdammte, Ganzverworfene, denen das erlösende Sterben versagt blieb? Wofür sind sie aufgehoben? Sie wissen es nicht. Sie kennen auch einander nicht, nur vom Sehen, allmählich; sie können sich nicht einmal miteinander verständigen, denn jeder spricht eine andere Sprache. Die Trümmerstadt ist wie eine zerborstene Arche, in der die Reste der Menschheit gesammelt sind. Männer und Frauen, aber es gelüstet sie nicht nacheinander wie ehedem, sie sind unfruchtbar, wie die toten fruchtlosen Bäume.

Es sind nicht viele und keine sonderlichen Gedanken, die sich in ihnen bewegen; sie halten – wohl nichts mehr von großen Gedanken, nach all dem, wie es mit der Welt und dem Denken gelaufen ist. Unter den Schrecken des großen Verhängnisses sind sie stumpf geworden. Sie warten auf etwas, aber sie kommen es nicht benennen. Manchmal steigen Worte in ihnen auf, dunkel vor Alter, aber sie begreifen sie nicht mehr. Keinen drängt es, die Stadt zu verlassen-Es geschieht kaum, daß noch ein Nachzügler eintrifft. Den belauern sie eine Weile von ferne; und immer ist es so, daß der Neue wortlos einwilligt, sich den ungeschriebenen Vorschriften, den von niemandem erlassenen Geboten fügt. Er ahmt nach, was er die andern tun sieht, und so kommt er zurecht, findet eine Höhle, darin zu hausen, gräbt und findet, wessen er bedarf, trabt, wie ein Tier zur Tränke, auf den schmalen, in den Schutt eingetretenen Wegen zum Brunnen, wagt einen Gruß und erntet ein Kopfschütteln, denn keiner versteht ihn.

Nach einer gewissen Zeit – sicher gibt es den und jenen, der die Tage sich anmerkt – kommt doch noch einer aus der leeren, schweigenden Ebene herauf, und das ist nun einer, der ihnen Sorge macht. Es ist nichts Besonderes an ihm, er sieht aus wie sie alle, mager und mitgenommen, abgerissen und zerbissen von den Noten und Todesängsten, die auch sie kennen; einer, der durch alles hindurchgegangen und also zurückbehalten worden ist wie sie selbst. Aber ist er nicht um eine Spur rüstiger als sie? Jung wäre er nicht zu nennen, aber auch nicht alt. Nun, in alledem ist nichts, was Besorgnis erregte. Aber dies: daß er sich anders verhält, Daß er nicht stehenbleibt und aus der Ferne absieht, was hier Brauch und Sitte ist. Die Furcht, die in ihnen allen ist, in ihm scheint sie nicht zu sein; und so weckt er erst recht Furcht. Wahrhaftig, er geht zu jedem hin, als habe er einen Auftrag, und sagt ein Grußwort, und der Gegrüßte erschrickt, denn er versteht den Gruß, es ist seine eigene Sprache, aber er erwidert nicht, das Ungewohnte, Unerwartete macht ihn fassungslos und noch stummer, als er ohnehin es ist. Doch der Neue erwartet wohl auch nichts, er geht davon und läßt in dem anderen zurück den Gruß und einen Blick seiner Augen und eine neue Unruhe, die noch etwas anderes ist als die alte Furcht.

Und so ergeht es allen mit dem Neuen, dem Zuletztangekommenen. Keinen läßt er aus, jeder empfängt von ihm den Gruß, den er versteht, den eindringenden Blick und die Unruhe. Keiner weiß das vom anderen, aber jeder fragt sich: „Dieser – was will er von mir? Von uns? Was hat er vor?“ Und sie wollen nicht, daß einer etwas von ihnen will und irgend etwas vorhat. Die Unruhe wächst, der Widerstand, die dumpfe Furcht. Einige, wenn sie ihn kommen sehen, nehmen Steine in die Hand. Aber noch unternimmt der Neue nichts. Er ist nur da, still, aber trotz seiner Unbegreifbarkeit sehr deutlich, allzu fühlbar. Einmal tritt er am Brunnen zu ihnen und grüßt jeden mit dem Gruß, der ihm zukommt. Und da sie mehrere sind, in der Übermacht also, fühlen sie sich stark, und wie aus einem Munde, doch jeder in seiner Sprache, fragen sie ihn: „Wer bist du?“ Doch nun erhalten sie keine Antwort, sondern nur ein Lächeln, das reihum gereicht, das ausgeteilt wird an alle, ein unbeschreibliches, die Furcht dämpfendes Lächeln. Da laufen sie davon.