Paris, Anfang Juni

Es ist nicht die öffentliche Meinung, die am Rande der Viererkonferenz lebt, sondern die vier Außenminister tagen am Rande der öffentlichen Meinung, denn diese schenkt den so ergebnisarmen Sitzungen im Palais-Rose kaum noch Beachtung. Die ausgegebenen Kommuniqués erhalten selbst in der ernsthaften Presse nur einen Stiefplatz und die Auffahrten der offiziellen Wagen finden ohne Zuschauer statt. Man kann beobachten, daß die Leute, welche ihr Weg an dem Palais vorbeiführt, nicht einmal einen Blick in dessen offenen Hof werfen, wo die Polizisten und Detektive enttäuscht von so viel Gleichgültigkeit mit schmollenden Gesichtern herumstehen. Politiker und Journalisten sind überzeugt, daß – wenn überhaupt – nur noch geheime Verhandlungen und noch geheimere Abmachungen zu einer Lösung des deutschen Problems führen können. Welch Geständnis!

Zwei andere Ereignisse bewegen die Gemüter der französischen Hauptstadt: Das Wiederaufleben der Polemik um die Freigabe des noch immer bewirtschafteten Benzins und der Besuch der Prinzessin Margaret von England.

Der konservative, aber völlig unabhängige und äußerst lebendige Figaro, der die höchste Auflage aller Morgenblätter erreicht, hat seit Wochen systematisch der Regierung nachgewiesen, daß die Vorräte an Treibstoff für Motoren größer als die Lagermöglichkeiten sind und daß die Bewirtschaftung des Benzins lediglich dem Schwarzmarkt zugute kommt, da mit den Gutscheinen für Prioritätsempfänger ein geradezu unwahrscheinlich profitreicher Handel getrieben wird. Die Öffentlichkeit würde durch die sächlichen Argumente des angesehenen und in allen Schichten gelesenen Blattes derart aufgerüttelt; daß das Parlament die Regierung zur Rede stellen mußte. Diese war schließlich bereit, den Treibstoff freizugeben. Doch Finanzminister Petsche braucht zur Zeit viel Geld um das eben eingestandene Zwanzigmilliardendefizit der Eisenbahnen zu decken und dem nicht nur an den Wirren in Indochina leitenden Militärbudget ein diskretes Pflaster aufzulegen. Welch prachtvolle Gelegenheit, zur Erholung des seit der Anleihe schon wieder algemagerten Staatssäckels, an jeder Benzinpumpe ein kleines Säckchen aufzuhängen, darin die fahrlustigen Automobilisten ihren Obolus zu weifen hätten! Und so verlangte Petsche, daß der Benzinpreis im Falle der Freigabe von 43 auf 63 Francs hochgeschraubt würde. Ein Preisaufschlag, der Queuilles Ermahnungen zur Senkung der Preise, besonders der Lebensmittel, lächerlich macht. Die Presse keifte denn auch entschieden lauter als jener bekannte Wurm in Morgensterns Sturmgedicht.

Nach sechstägigen Verhandlungen und unter Drohungen mit seinem Abgang erzielte der Ministerpräsident in der Nationalversammlung eine Kompromißlösung: Neben dem bewirtschafteten Sektor, der bleibt; wird ein freier geschaffen. Das gutscheinlose Benzin soll mit 63 Francs bezahlt werden, das auf Karten ausgegebene soll bis zum 31. Dezember seinen Preis von 43 Francs behalten. Damit ist dem Schwarzmarkt ein profitreicher Altweibersommer. gesichert, denn tun können die durch Protektionen begünstigten Vorzugsanrechtler ihre Benzinscheine noch bis zum Ende des Jahres in Bargeld umsetzen. Wie unangenehm überrascht war aber die Regierung, als der „Rat der Republik“ unter welch geschämiger Neubezeichnung sich der alte Seiat verbirgt – durch Mehrheitsbeschluß die Freigabe des Benzins zum 1. Oktober verlangte, und zwar zu dem Preise von 43 Francs, eine Forderung, die Herrn Petsche um so tiefer erbleichen ließ, als gemäß der Verfassung ein Mehrheitsbeschluß les Senats im Palais Bourbon nur durch eine ebenso starke Stimmenmehrheit ungültig gemacht werden kann. Und diese Mehrheit werden sich die Rechtsparteien mit Beschneidungen an der Sozialversicherung und anderen Einsparungen zähen lassen, Maßnahmen, welche die Sozialisten und die Volkspartei (M. R. P.) zum Ergötzen der Gaullisten in große Verlegenheit bringen. Die Öffentlichkeit kümmert es aber wenig, ob die Regierung über der Berlinfrage stürzt oder nicht (sie wird: es wohl nicht), sie will nur wissen, ob, wann und zu welchem Preis man endlich wieder ohne Formalitäten oder ohne Erlegung des schwarzen Preises den Tank seines Wagens wird füllen können.

Die so republikanischen Pariser leiden von Zeit zu Zeit an unerklärlichen Gemütsstörungen, Ist ihnen eine Wiederkehr der Monarchie in den Louvre oder nach Versailles unvorstellbar und antipathisch, so versetzt das Erscheinen gekrönter oder nur krönbarer Häupter aus fremden Ländem sie in einen Taumel, der ihren Ruf der nüchternen Vernünftigkeit Lügen straft. Bei dem letzten Besuch des britischen Königspaares vor dem Kriege rief die Menge die fremden Monarchen während eines ganzen Abends immer wieder auf den Balkon. Bei dem der Prinzessin Elisabeth und des Herzogs von Edinburgh im vergangenen Jahr waren die Straßen schwarz von begeisterten Menschen, die sich selbst niemals von einem König regieren lassen würden, und selbst die PrinzessinMargaret hatte sich rätselhafterweise das Herz der Pariser schon erobert, ehe man sie überhaupt zu Gesicht bekommen hatte. Die königliche Maid hatte während ihres Aufenthaltes den ersten Platz in den Zeitungen, und wurden Kranke durch ihren Anblick auch nicht geheilt, so war doch manche sonst ewig leidende und gattenquälende Pariserin während des Prinzessinnenbesuchs plötzlich frischbebeint und gutgestimmt dort zu finden, wo die in der Tat liebreiche königliche Hoheit in fünfmal am Tage wechselnder Kleidung (unter Bevorzugung von salmrosa Farben) repräsentativ, wenn auch „privat“ auftrat. Aber nicht nur, zur Augenweide der Frauen tat sie dies. Das behoste Element kam dabei auch nicht zu kurz. Dreimal hat sie bis in die Morgenstunden getanzt, und wir erfuhren sogar wo und mit wem. So zeichnete sie die beiden Söhne des Botschafters François-Poncet auf dem Ball im Palais de Leusse aus, und kein Geheimnis wurde daraus gemacht wie aus den Vergnügungen der Herren Wyschinski, Bevin und Acheson, deren Anwesenheit deswegen schon so gut wie vergessen ist.

Diese drei Prominenten hatte man letzte Woche – man kann schon sagen zur Strafe – auch nicht zu dem „Ball der Diamanten“ geladen, den der reiche Portugiese van Rosenstock im Palais des Marquis von Sayve gab, und der den Polizeipräfekten graue Haare gekostet hat, blitzten doch für einige Milliarden Francs Edelsteine an Fingern, Handgelenken, Ohren und am Halse der Damen. Die Modeschöpferin Schiaparelli trug dort zu einem kardinalroten Kleid ein busendeckendes Kollier mit so breitem Anhänger, daß eine aus den Steppen Rußlands stammende Fürstin das Schmuckstück für das goldene Vließ hielt. Bürgerliche, aber reiche Schönheiten waren mit Haarreifen, Tiaren, Krönchen ja wahren Kronen geschmückt, die sie an keinem Hof hätten tragen dürfen. Der anwesende Adel (soweit er begütert geblieben ist) von der Prinzessin von Arenberg bis zur Gräfin Jean de Beaumont läßt sich seit langem die Konkurrenz des Geldes gefallen.

Dieser Ball, die Hochzeit des Prinzen Ali Khan mit Rita Hayworth, die Rückkehr J. P. Sartres auf die Terrasse des Cafés des Deux Magots, das Erscheinen eines gefälschten Rimbaudtextes und die schwere Erkrankung André Gides beschäftigen Paris weit mehr als die Konferenz im Palais-Rose.