Der ehemalige Ministerpräsident, ehemalige Vorsitzende der dänischen Bauernpartei (Venstre) und ehemalige Reichtstagsabgeordnete Knud Kristensen tauchte auf einer der letzten Folketingsitzungen als Zuhörer auf. Das war sein Wiedereinzug in den Reichstag, den er im Vorjahr Haltung verlassen hatte, als Protest gegen die Haltung der dänischen Volksvertretung zur sogenannten Südschleswig-Frage. Seit seinem symbolischen Wiedereintritt in die Politik hat sich die Knud-Kristensen-Frage verschärft. Sie lautet: Können die aktivistischen Strömungen dieser rechtsgerichteten Partei, die sich „links“ (Venstre) nennt, kann der Einfluß Kreises Kristensens und seines nationalistischen Kreises die an sich stark gezimmerte sozialdemokratische Minderheits-Regierung zu Fall bringen? Die Venstre hat die sofortige Einberufung des Reichstags verlangt, damit über ihre Forderung nach einer dänischen. Volksabstimmung entschieden werden kann. Diese Volksabstimmung soll eine andere Volksabstimmung erzwingen, eine Volksabstimmung in Deutschland. Die Venstre wünscht die dänischen Wähler nach ihrer Ansicht über Sie dänische Südschleswig-Politik zu befragen. Sie gebilligt festzustellen, ob die Regierungspolitik gebilligt wird, oder ob das dänische Volk meint, daß dem jetzigen deutschen Grundgesetz eine Bestimmung eingefügt werden solle, die der Bevölkerung Südschleswigs das Recht sichert, später einmal eine Volksabstimmung über ihre „staatliche Zugehörigkeit“ durchzuführen. Grundsätzlich neigt auch die Konservative Partei dieser aktivistischen Linie zu, aber praktisch eilt es Sie nicht so sehr mit der Reichstagseinberufung. die hat nämlich außer ihrer Abneigung gegen die Regierung mit der Venstre noch gemeinsam, daß sie Neuwahlen mit gemischten Gefühlen entgegensieht. Gewinnen würden allein, die Sozialdemokraten, da sie mit Zuwachs von Kommunistenstimmen rechnen können. Was aber die eine der beiden bürgerlichen Parteien unter Umständen erbeutet, kann nur von der anderen kommen. Von vornherein würde vermutlich die Venstre erst einmal sieben Mandate verlieren infolge wahltechnischen Änderungen, durch die der Partei in Zukunft sieben Sitze abgenommen werden können, die sie bei den letzten Wahlen zuviel bekommen hat.

Die vorige Minderheitsregierung Knud Kristensen stürzte über ihren Versuch, den Reichstag in der Südschleswig-Frage zu „aktivieren“. Jetzt will der Kristensen-Flügel der Partei sich dafür revanchieren, indem er die sozialdemokratische Regierung Hedtoft-Hansen über die gleiche Frage stürzen läßt. Bleibt nun die Regierung oder fällt sie – in beiden Fällen erzielt die Venstre einen taktischen Erfolg. Denn die Regierung kann sich nur halten, falls sie bei der Abstimmung von den sieben kommunistischen Abgeordneten Hilfe bekommt. Und im letzten Fall hat man es dahin gebracht, daß man sie zu Propagandazwecken als eine sozialdemokratische Regierung „von Stalins Gnaden“ bezeichnen kann.

Die Frage bleibt, ob dieser Revanchefeldzug gegen die Sozialdemokraten nicht mit neuen Verlusten für den bürgerlichen Flügel des Reichstags endet. Daß er die Lage der dänisch gesinnten Bewohner Südschleswigs sollte verändern können – damit rechnet im Ernst wohl niemand.

Roland Ring