Der Hinweis auf das schwedische Dossier erwies sich als unschätzbar. Ich verfolgte diese Spur und brachte schließlich in Erfahrung, daß der polnische Rechtsanwalt, den Naville in seinem Brief vom 28. Juni 1948 erwähnte, nicht identisch ist mit dem polnischen Juristen, der den Katyner Massenmord im Auftrage von Stalins polnischer Marionetten-Regierung untersucht hatte. Der polnische Rechtsanwalt, auf den Naville anspielt und den wir Herrn X nennen wollen, deponierte in Stockholm keineswegs seine eigenen Notizen, wie Professor Naville irrtümlicherweise glaubte, sondern die Aufzeichnungen seines ermordeten Freundes Roman Martini, eines polnischen Anwalts aus Krakau, der mit der Untersuchung des Falles betraut worden war. Die polnische kommunistische Regierung betraute ihn mit dieser Untersuchung in der offensichtlichen Hoffnung, daß die Ergebnisse seiner Untersuchung die These von der deutschen Schuld erhärten würden.

Herr X übergab den Untersuchungsbericht seines toten Freundes Martini der schwedischen Zeitung Dagens Nyheter, die am 13. Februar 1948 einen auf Martinis Aufzeichnungen und den Kommentaren von Herrn X basierenden Artikel unter dem Titel „Der Katyner Massenmord, ein russisches Verbrechen“ veröffentlichte. Im Folgenden seien die wesentlichen Teile dieses außerordentlich bedeutsamen Artikels wiedergegeben:

„Wegen der sich noch immer weiterverbreitenden Gerüchte, daß die Russen die wahren Urheber des Katyn-Massakers seien, forderte der polnische Justizminister Swiatkowski Anfang 1947 Dr. Roman Martini auf, ihn zu besuchen und betraute ihn mit der Untersuchung des Falles. Die Ergebnisse dieser Untersuchung sollten die Grundlage eines Katyn-Prozesses bilden, der in Warschau abgehalten werden sollte und der die Schuld der Deutschen endgültig erhärten sollte. Martini ging mit der größten Sorgfalt zu Werke und erhielt sogar von den Russen die Erlaubnis, die Massengräber von Katyn wieder zu öffnen. Unter den deutschen Dokumenten, die Martini zur Verfügung standen, befand sich auch die Korrespondenz zwischen einem Mitglied der deutschen Militärmission in Moskau, die bis zum Ausbruch der deutsch-russischen Feindseligkeiten dort amtierte, Obersturmbannführer Ernst Slowenschik und dem Reichssicherheitshauptamt in Berlin. Als Zeugen kamen ein paar überlebende polnische Offiziere in Frage, darunter Professor Swianiewicz, ein Gelehrter aus Wilna, der jetzt im Ausland lebt. Martini begann seine Untersuchung ohne jedes Vorurteil, in dem einzigen Bestreben, die Wahrheit zu finden... Durch Zusammenfügung unzähliger einzelner Bruchstücke von Informationen kam er zum sicheren Ergebnis, daß sämtliche Offiziere, die im Katyner Wald getötet worden waren, während der Monate März, April und Mai 1940 erschossen worden waren, zu einer Zeit also, da das Katyner Territorium noch im russischen Besitz war... Die Hinrichtung wurde geleitet von sechs russischen NKVD-Offizieren, des Minsker NKVD. Ihre Namen sind; Lew Rybak, Chaim Feinberg, Abraham Bomsovich, Boris Kutsov, Ivan Siekanov und Ossip Lisak. Für die Massenhinrichtung verantwortlich war ein NKVD-Offizier aus Moskau, namens Burianow. Bezüglich der technischen Durchführung der Massenhinrichtung führte Martinis Untersuchung zum gleichen Ergebnis wie die Untersuchung der Deutschen im Jahre 1943. In jedem einzelnen Fall wurde der Tod durch Genickschuß verursacht. Die Hinzurichtenden standen dabei am Rande der ausgehobenen Massengräber, in die sie dann hineinfielen oder hineingestoßen wurden. In den meisten Fällen hatte ein Schuß genügt; manche Leichen wiesen jedoch die Spuren von zwei oder drei Kopfschüssen auf. Die Hände der Gefangenen waren hinter ihrem Rücken gefesselt, und Stichwunden, beigebracht von dem typischen mehrkantigen Bajonett der Russen, ließen darauf schließen, daß viele der Opfer Widerstand leisteten. Zahlreiche wiesen Kieferbrüche und andere Kopfverletzungen auf, die offensichtlich von den Schlägen mit Revolverkolben herrührten ... Ein recht bedeutsames Detail, das im Gutachten der von den Deutschen eingesetzten Untersuchungskommission nicht zu finden ist, muß in der Tatsache erblickt werden, daß die Erschießung in allen Fällen mit einer deutschen Armee-Pistole, Kaliber 7,65 D, ausgeführt wurde. Die Deutschen versuchten niemals, diesen Tatbestand zu erklären, der im Jahre 1943 leicht gegen sie hätte gehalten werden können. Dr. Martini stellte allerdings fest, daß die Pistolen aus der Waffenfabrik von Gustav Genschow & Co. in Durlach bei Karlsruhe stammten. Waggonladungen dieser Pistolen, ‚Geco‘, waren während der Zwanziger- und Dreißigerjahre von Deutschland nach Rußland exportiert, auf Grund des Rapallo-Vertrages vom Jahre 1922. Dr. Martini führte in seinem Bericht aus, daß diese Tatsache ganz besonders gegen die Russen spreche. Hätten die Deutschen wirklich ein russisches Verbrechen fälschen wollen, sie hätten es nach Abbruch der deutsch-russischen Krieges, im Besitze von Hunderttausenden von russischen Waffen, leicht gehabt, nur solche zu benutzen ... Der Katyner Wald wurde vom NKVD seit 1918 als Exekutionsplatz benützt. Seit dem Jahre 1931 ist die Zivilbevölkerung durch Absperrungen und Warnungstafeln ferngehalten worden. Seit dem Jahre 1940 sorgen besondere NKVD-Patrouillen, die mit Bluthunden ausgerüstet sind, dafür, daß kein Unbefugter sich dem Gebiet nähert. In der Nähe der Hinrichtungsstätten befindet sich ein großes Wohnhaus für NKVD-Funktionäre... Roman Martinis Befürchtungen, als er seinen Bericht dem Justizminister Swiatkowski überreichte, waren nicht unbegründet. Ein paar Tage nach seiner Rückkehr von Warschau nach Krakau wurde Martini ermordet. Der Mord geschah in seiner Wohnung in Krakau, Krupnica-Straße 10. Die Mörder waren zwei junge fanatische polnische Kommunisten, der neunzehnjährige Stanislaw Wroblewski und seine siebzehnjährige Braut Jolanta Maklakiewicz, die Tochter eines bekannten polnischen Kommunisten, des Dirigenten der Philharmonischen Orchester von Krakau und Warschau. Der Mord erregte zuviel Aufsehen, um vertuscht werden zu können. Die Mörder wurden verhaftet, ,entkamen‘ aber wenige Tage später aus dem St.-Michael-Gefängnis in Krakau, das zu den bestbewachten Gefängnissen Polens gehört.“

Ich habe absichtlich den Artikel aus Dagens Nyheter so ausführlich zitiert, da er eines der wichtigsten Dokumente zum Massenmord von Katyn darstellt. Seine gänzlich unvoreingenommene Untersuchung ergab dieselben Resultate wie sie die Untersuchung der von den Deutschen eingesetzten Kommision gezeitigt hatte. Martini war aber darüber hinaus in der Lage, neue, höchst wichtige Tatsachen zutage zu fördern, die die These von der russischen Schuld weiter erhärten. Er entdeckte die Namen der NKVD-Offiziere, die das Massaker organisierten, und er stellte fest, daß die benutzten Waffen, die von den Deutschen nach Rußland exportierten „Geco“-Pistolen waren.

Ich bin mir wohlbewußt, daß diese Darstellung nur eine Skizze des augenblicklichen Standes der Katyn-Affäre ist. Aber sie mag genügen, um den Zweck dieses Artikels zu erfüllen. Dieser Zweck ist das Bestreben, die seltsame Verschwörung des Schweigens, die dieses Verbrechen noch immer umgibt, zu durchbrechen. Die Welt sollte endlich in einer jedem Zweifel entrückten Weise erfahren, wer die Mörder von Katyn waren.

Ich schlage vor, daß ein amerikanisches Komitee zur Untersuchung des Massenmordes von Katyn gegründet werde. Dieses Komitee sollte in die Lage versetzt werden, alle noch lebenden direkten und indirekten Zeugen einzuladen, um sie in öffentlichen Verhören zu vernehmen. Es sollte ebenfalls die Aussagen von General Anders und Stanislaw Mikolajczyk hören. Ja, es sollte sogar die Sowjetregierung auffordern, Vertreter des russischen Standpunktes zu dem Sitz der Verhöre zu entsenden, damit auch diese gehört und konfrontiert werden können. Selbstverständlich sollten alle Dokumente, die sich auf den Massenmord von Katyn beziehen, freigegeben werden, mögen sie sich nun im Pentagon-Building des amerikanischen Kriegsdepartments oder sonstwo befinden.

Sollte dieses American Committee for the Investigation of the Katyn Murder zu denselben Resultaten gelangen wie die von den Deutschen im Jahre 1943 eingesetzte Kommision und wie die Erhebungen Mikolajczyks und Dr. Martinis dann sollte die Sowjetregierung feierlich aufgefordert werden, eine unparteiische neue Untersuchung am Schauplatz des Verbrechens zu gestatten. Diese Untersuchung wäre vom Internationalen Roten Kreuz durchzuführen, wie die Londoner polnische Regierung dies 1943 vorgeschlagen hatte. – Dies scheint mir der einzige Weg, der zur endgültigen Lösung des „Rätsels von Katyn“ führt. Zur Lösung eines „Rätsels“, das unzweifelhaft eines der großen Verbrechen der Menschheit darstellt.