Was hier mitgeteilt werden soll, ist ein wahres Begebnis, das sich in einer unserer Hansestädte vor wenig mehr als zehn Jahren zugetragen hat. Es ist die Geschichte von dem Tode zweier Greise, deren lebenslange Freundschaft im Kreise ihrer Mitbürger allgemein bekannt war, da sie – letzte Nachkommen einer alten und sehr angesehenen Patrizierfamilie – einen musealen Bestandteil des vaterstädtischen Lebens bildeten und somit seit langem ein Gegenstand des öffentlichen Interesses geworden waren. Bei der Leichenfeier, die beträchtliches Aufsehen erregte, war der beliebteste Kanzelredner der Stadt glücklich, das erbauliche Thema abwandeln zu können, wie Treue über das Grab hinaus den anderen zur Grube fahren ließ, nachdem ihm der eine um wenige Tage vorangegangen war, und noch heute pflegt man sie, die in ihren besten Jahren im öffentlichen Leben der Stadt eine bedeutende Rolle gespielt hatten, gerne als Beispiel echtester Freundestreue für die Jugend zu erwähnen.

Daß ihr Ende aber in Wirklichkeit die Folge davon war, daß sie sich in tödlichem Haß entzweit hatten, wissen nur wenige. Wir verdanken die seltsame Geschichte ihres verderblichen Streites dem Nervenarzt Dr. Janssen, dessen Tod kürzlich in etwas überschwenglichem Tone von dankbaren Patienten in dem Haupt- und Familienblatt der genannten Stadt angezeigt wurde. Er hat sie nach einer Sitzung im ärztlichen Verein in einem kleinen Kreis von Kollegen erzählt, und es bestehen heute, nachdem alle Beteiligten verstorben sind, keine Bedenken mehr, diesen Bericht zu veröffentlichen, der bemerkenswert ist, weil er mit erschreckender Deutlichkeit offenbart, wie wenig wir geneigt sind, gerade unseren Freunden zu verzeihen oder ihnen ein Verhalten zu gestatten, das uns bei einem Fremden gleichgültig lassen würde.

Es war – so erzählte Dr. Janssen – in einer Januarnacht, als er, der kaum von einer Grippe genesen war, aus dem Bett ans Telefon gerufen wurde. Der alte Diener des Senator Möllenhoff bat ihn atemlos und mit vor Aufregung stockender Stimme, sogleich zu seinem Herrn zu kommen, der schwer erkrankt sei. Bevor er fragen konnte, warum man nicht den Vetter und Hausarzt des Senators oder wenigstens einen anderen praktischen Arzt benachrichtigt habe, war die Verbindung abgebrochen, und es gelang ihm nicht, eine neue zu erhalten. Endlich verbot es ihm sein Pflichtbewußtsein, noch länger zu verweilen und er machte sich, ärgerlich und fest davon überzeugt, daß er sich von neuem erkälten würde, auf den Weg. Ein plötzlicher Witterungswechsel hatte mit einem starken Sturm zugleich Regen gebracht. Die Straßen waren mit einer Eisschicht überdeckt und menschenleer. So traf er auch gegen seine Erwartung keinen Wagen, und mußte den Weg zu Fuß zurücklegen. Als er völlig erschöpft vor dem Hause des Senators ankam, fand er alle Türen weit geöffnet und Eingang, Garderobe und Treppenhaus hell erleuchtet. Da niemand kam, um ihn in Empfang zu nehmen, entschloß er sich, in den ersten Stock hinaufzusteigen. Nachdem er mehrere Türen zu verschiedenen Wohnräumen geöffnet hatte, glückte es ihm endlich, das Schlafzimmer des alten Herrn zu finden. Der ziemlich große Raum war nur spärlich durch eine Nachttischlampe erhellt. An dem Bett des, wie er sogleich sah, bereits Verstorbenen saß der ihm wohlbekannte Vetter des Senators, der Physikus und ehemalige Vorsitzende des Medizinal-Kollegiums Dr. Martinus Möllenhoff. Mit einer bezwingenden Handbewegung lud ihn dieser ein, eine Untersuchung vorzunehmen, und schnitt jede Widerrede dadurch ab, daß er sich erhob und die Lampe in die Hand nahm, um ihm bei dieser Beschäftigung zu leuchten. Dr. Janssen schlug widerwillig die Bettdecke zurück. Als er das Hemd des Toten öffnete, wurde sein Blick sogleich durch unregelmäßige rote Streifen gefesselt, die er oberhalb des Leistens an der Leiche bemerkte. Er äußerte, daß hier vielleicht ein Anhaltspunkt für eine seltsame Todesursache zu finden sei, aber der Alte schob mit der elfenbeinernen Spitze seines Stockes, auf den er sich gestützt hatte, ein am Boden liegendes Korsett in den Lichtkreis der Lampe und bemerkte mit leichtem Spott, daß solche Toilettenkünste den jüngeren Kollegen wohl nicht mehr bekannt seien, daß aber sein Vetter sich dieses Hilfsmittels noch bedient habe, um seine imponierende Haltung auch im Alter zu bewahren. Damit war dem Dr. Janssen jede Lust vergangen, die Untersuchung fortzusetzen. Er warf das Deckbett ziemlich ehrfurchtslos zurück und fragte obenhin, ob der Herr Physikus auch von dem Diener des Senators herbeizitiert worden sei. Das sei nicht der Fall, entgegnete dieser, ihn habe vielmehr der Verstorbene selber angerufen. Als er aber ziemlich spät, was bei seinem hohen Alter nicht verwunderlich sei, gekommen wäre, habe er den Diener nicht, den Vetter aber bereits als Toten vorgefunden. Die kühle und abweisende Art dieses Berichtes reizte den infolge körperlicher Schwäche besonders empfindlichen Dr. Janssen über die Maßen. Sein Blick fiel auf zwei halbgefüllte Sektgläser, die auf einem Tisch in der Mitte des Raumes standen, und mit der Taktlosigkeit des Unterlegenen fragte er, ob der Herr Physikus mit dem Toten noch pokuliert habe. Daß er hierauf keine Antwort erhielt, daß sich vielmehr das Gesicht des Greises hochmütig versteinte, trieb ihn so weit, vorzuschlagen, man solle die Polizei von dem Fall, der ihm rätselhaft scheine, benachrichtigen. Seinen Kollegen gegenüber erklärte er später, er könne noch jetzt nach Jahren nicht sagen, welcher Teufel ihn damals geritten habe, den Alten so schwer zu beleidigen. Genug, er ging ans Telefon, um sogleich festzustellen, daß der Apparat ohne Strom sei. „Man hat die Leitung durchschnitten“, rief er triumphierend, froh, einen Verdacht auf den Diener werfen zu können, um sein eigenes Benehmen zu rechtfertigen. „Vielleicht bemerken Sie, daß es sich um einen Tischapparat handelt, und daß der Kontakt nicht eingeschaltet ist“, erwiderte der Physikus, nun wieder überlegen lächelnd, und gehorsam wie ein gescholtener Hund, stellte Dr. Janssen die Verbindung her und rief – was blieb ihm anderes übrig, da er so völlig die Beherrschung der Situation verloren hatte – die Polizei herbei.

Was nun folgte, spielte sich sehr rasch ab. Der erfahrene taktvolle Kommissar vernahm zu dessen Beschämung nur den jüngeren Arzt und stellte zunächst fest, daß der Diener seit über zwei Stunden verschwunden sei. Man weckte die Haushälterin. Eine flüchtige Durchsuchung des Hauses unter ihrer Führung ergab, daß an dem umgestürzten Kleiderhalter in der Garderobe der Pelzmantel des Verstorbenen fehlte – dies wurde noch durch den Physikus bestätigt, der dann sogleich das Haus verließ. Der Leichnam des Senators wurde nunmehr beschlagnahmt, und der Kommissar versprach dem aufgeregten Nervenarzt, dafür sorgen zu wollen, daß dieser, falls eine Legalsektion angeordnet werden sollte, dabei zugegen sein dürfe. Von den Sektgläsern war bei der Untersuchung nicht die Rede gewesen, und Dr. Janssen hütete sich auch, noch einmal auf seine Taktlosigkeit zurückzukommen.

Die Sektion fand, da man wünschte, den peinlichen Fall ohne Aufsehen schnell zu erledigen, schon am nächsten Tage statt. Sie ergab, daß der Tote am Herzschlag gestorben war. Auch das Verschwinden des alten Dieners klärte sich bald danach auf. Er hatte in seiner Aufregung den Grund für das Versagen des Telefonapparates gleichfalls nicht erkannt und war fortgestürzt, um in einem etwas entfernt gelegenen Hotel Hilfe herbeizurufen. Beim Verlassen des Hauses hatte er sich den Pelzmantel des Senators übergeworfen. Im Hotel hatte man dem Diener, der den hochbetagten Physikus zu so später Nachtstunde nicht mehr stören wollte, einen Namensvetter des Dr. Janssen empfohlen, den er dann mit dem Nervenarzt verwechselte. So fand nebenbei auch dieser letzte Punkt seine Aufklärung. Beim Nachhauseeilen war der alte Mann ausgeglitten, hatte durch den Fall das Bewußtsein verloren und war von Passanten in das Hafenkrankenhaus eingeliefert worden, wo er erst im Laufe des Vormittags wieder erwachte. Es mag sein, daß einige im Hotel schnell genommene Schnäpse bei diesem Unglücksfall nicht ohne Einfluß gewesen waren.

In ziemlich gedrückter Stimmung machte sich nunmehr Dr. Janssen auf, um den Physikus über die Ereignisse des Vormittags zu unterrichten. Dr. Martinus Möllenhoff empfing ihn mit äußerstem Gleichmut, schnitt alle Entschuldigungen schnell ab und fragte, anscheinend nur noch wissenschaftlich interessiert, nach dem Befund der Sektion. Vor allem wünschte er Näheres zu hören über den Zustand der Organe des Toten und die Untersuchung des Mageninhalts. Dr. Janssen berichtete, daß in dem Magen des Senators noch eine unverdaute Dragee – eine Gelatinekapsel, in der man schlechtschmeckende Medizinen verabreicht – gefunden worden sei. „Ganz recht“, erwiderte der Alte, „ich pflegte ihm solche seit längerer Zeit gegen Gallenstörungen zu verordnen.“

„Man hat vermutlich auch den Inhalt der Kapsel genau geprüft?“ Der spürbare Hohn in diesen Worten ließ den guten Dr. Janssen erröten. Verlegen gab er zu, daß dies geschehen sei, und beeilte sich, zu erklären, daß man sich von der Unverfänglichkeit der Medizin überzeugt habe. Er ging dann dazu über, dem Physikus seiner Teilnahme an dem Tode des Vetters und Freundes zu versichern und ihm seine Hilfe bei den notwendigen Formalitäten anzubieten. Hierauf ward ihm jedoch keine Antwort mehr, und ebensowenig glückte es ihm, beim Fortgehen einen Händedruck von dem völlig in Gedanken verlorenen Greis zu erhalten.