Das Ergebnis wissenschaftlicher Untersuchungen auf Grund neuer Zeugnisse und Aussagen / Zusammengestellt von Julius Epstein, New York

Am 13. April 1943 verkündete das Goebbelsche Radio, daß das deutsche Heer in der Gegend von Smolensk, genauer, im Walde von Katyn, Massengräber „von ungefähr zehntausend“ polnischen Offizieren entdeckt habe. Diese polnischem Offiziere, Kriegsgefangene der Russen, seien von den Sowjets im April und Mai 1940 ermordet worden.

Drei Tage später nannte der russische Rundfunk die deutschen Behauptungen eine „ruchlose Erfindung“. Am 16. April schlug der Ministerpräsident der Polnischen Exilregierung in London, General Sikorski, vor, daß das Internationale Rote Kreuz die deutschen Beschuldigungen untersuche. Der Kriegsminister im Kabinett Sikorski, Generalleutnant Marian Kukiel, veröffentlichte darauf einen genauen Bericht über das rätselhafte Verschwinden von Tausenden polnischer Offiziere, in dem auch die vielen Bemühungen der Londoner Polnischen Regierung geschildert wurden, näheres über das Schicksal dieser Offiziere zu erfahren, die angeblich alle aus den russischen Gefangenenlagern entlassen worden waren, von denen aber kein einziger im Hauptquartier des General Anders aufgetaucht war. General Anders war damals damit beschäftigt, eine polnische Armee auf russischem Boden aufzustellen. Der Schlußabsatz der Kundgebung des Generals Kukiel lautete:

Wir sind an die Lügen der deutschen Propaganda gewöhnt, und wir verstehen die Absicht ihrer letzten Enthüllungen. Im Hinblick auf die ebenso zahlreichen wie detaillierten deutschen Informationen über die Entdeckung der Leichen von vielen Tausenden polnischen Offizieren in der Nähe von Smolensk, und mit Rücksicht auf die kategorische Erklärung, daß die Offiziere von den Sowjets im Frühjahr 1940 ermordet wurden, erscheint es uns jedoch notwendig, daß diese Massengräber Gegenstand einer Untersuchung durch eine zuständige internationale Organisation werden. Solch eine zuständige internationale Organisation erblicken wir im Roten Kreuz. Die polnische Regierung hat sich daher veranlaßt gesehen, diese Organisation zu ersuchen, eine Untersuchungskommission an den Ort zu senden, an dem das Massaker der polnischen Kriegsgefangenen angeblich stattgefunden hat.

Da eine solche Untersuchung durch das Internationale Rote Kreuz nur mit Zustimmung der Sowjetregierung möglich gewesen wäre, erübrigt es sich wohl, festzustellen, daß es nie zu ihr kam. Am 25. April 1943 händigte Molotow dem polnischen Gesandten in Moskau, Tadeuzs Römer, die Antwort der Sowjetregierung ein. Sie schloß mit den Worten: „... die Sowjetregierung hat daher beschlossen, die Beziehungen zur polnischen Regierung abzubrechen.“

Seit damals ist das Verbrechen von Katyn Gegenstand verschiedener offizieller und privater Untersuchungen, sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten geworden. Diese Untersuchungen wurden von einer Verschwörung des Schweigens begleitet, wie sie wohl selten ein Verbrechen so ungeheuren – Ausmaßes begleitet hat. Die Deutschen waren natürlich die ersten, die das Verbrechen von Katyn untersuchten: es wurde eine internationale Ärzte- und Gelehrtenkommission zusammengerufen, die hauptsächlich, jedoch nicht vollständig, aus Angehörigen der besetzten Länder bestand.

Diese Kommission bestand unter anderen aus folgenden Sachverständigen: Belgien: Dr. Speleers, Universität Gent. Bulgarien: Dr. Markov, Universität Sofia. Dänemark: Dr. Tramsen, Universität Kopenhagen. Finnland: Dr. Saxen, Universität Helsinki. Italien: Dr. Palmieri, Universität Neapel. Kroatien: Dr. Miloslawitsch, Universität Zagreb. Niederlande: Dr. de Burlet, Universität Groningen. Protektorat Böhmen und Mähren: Dr. Hayek, Universität Prag. Rumänien: Dr. Biokle, Universität Bukarest. Schweiz: Dr. Naville, Universität Genf. Slowakei: Dr. Subis, Universität Bratislava. Ungarn: Dr. Orsos, Universität Budapest.