Von Peter Christian Baumann

Diejenigen, die sich heute über die Existenzphilosophie und deren Grund- und Hauptthese, daß der Mensch die Summe seiner Handlungen sei, lustig machen, mögen wissen, daß ihre Einstellung jeder Originalität enträt. Der Vater aller Existenzphilosophie, Sören Kierkegaard, ist von seinen Landsleuten schon vor hundert Jahren ausgelacht worden. Er fand, daß dies nicht mehr als recht und billig sei. Peinlicher als die Mißachtung und Verachtung der Masse und des Massen-Menschen war ihm die Haltung der „Professoren“. Was aber verstand er unter einem „Professor“?

„Der ‚Professor‘“, sagt er in den „Tagebüchern“, „das ist eigentlich die Analogie zu Don Quichotte. Vielleicht wird er eine noch tiefere komische Figur werden. Einer, der durchaus keinen Begriff und nichts Menschliches in sich hat in der Richtung, selbst begeistert zu sein, handeln zu wollen und zu leben in Gleichheit mit den Vorbildern, sondern der glaubt, daß das gelehrte Fragen seien ... Die ,Wahrheit‘ wird gekreuzigt wie ein Räuber, sie wird verspottet, bespien dazu – sie ruft sterbend: „Folge mir nach!’, nur der ‚Professor‘ (der Un-Mensch) versteht nicht ein Wort davon, er faßt das als gelehrte Frage auf.“

Es muß vielleicht auf die Gefahr der Überdeutlichkeit hin doch gesagt werden, daß der so verstandene „Professor“ natürlich nicht Professor zu sein braucht und daß nicht etwa jeder Professor ein „Professor“ im Kierkegaardschen Sinne ist.

Kierkegaard hat das „Wort“, man kann schon sagen: heilig gehalten. Dem scheint zwar die Weitschweifigkeit, der er vielfach verfällt, zu widersprechen. Aber Kierkegaard ist nicht anders zu begreifen, und seine Widersprüche sind nicht anders zu klären, als daß man sich direkt an ihn selbst, an seine Existenz, sein Leben, sein Werk hält.

Das große Interesse aber, das die Existenzphilosophie in Deutschland gefunden hat, berechtigt zu der Frage: Besteht für den deutschen Leser überhaupt die Möglichkeit, Kierkegaard zu lesen?

Es gibt eine Übersetzung seines Gesamtwerts, die im wesentlichen von dem evangelischen Theologen und Philosophen Christoph Schrempf stammt. Schrempf wurde im Jahre 1892 von seinem Pfarramt entfernt, weil er sich weigerte, das Apostolische Glaubensbekenntnis zu gebrauchen. Das gab den Anlaß zum „Apostolikumstreit“. Im Jahre 1909 trat Schrempf aus der Landeskirche aus. Schon diese Daten genügen, um darzutun, daß Schrempf zweifellos nicht zu den „professoralen Un-Menschen“ gehört, die die Wahrheit als eine theoretisch zu behandelnde gelehrte Frage betrachten. Zu überlegen freilich ist, ob die von ihm stammende einzige deutsche Gesamtübersetzung den Forderungen entspricht, die der deutsche Leser stellen muß, will er Kierkegaard wirklich kennenlernen.