Baden-Baden, die bekannte Pflegestätte der musikalischen Moderne, ist wieder einmal Zeuge eines bedeutsamen musikalischen Ereignisses gewesen: Arthur Honegger als Dirigent eigener Werke am Dirigentenpult des Orchesters des Südwestfunks. Es war das erste Auftreten des bekannten Komponisten in Deutschland.

Der schon früh in Paris heimisch gewordene Schweizer gibt uns durch die erstaunliche Vielseitigkeit seines Schaffens nicht geringe Rätsel auf. Wir wissen, daß neben Werken ausgesprochen religiöser Tendenz, wie „Johanna auf dem Scheiterhaufen“ und „Totentanz“, die in Zusammenarbeit mit Paul Claude! entstanden, oder der „Liturgischen Symphonie“ Filmmusiken, ja Operetten stehen, die einer gänzlich anderen Welt angehören. Äußerungen des Komponisten, in denen er auf der einen Seite sich gegen die „sogenannte reine und objektive Musik, die nichts anderes sein will als nur Musik“, ausspricht, auf der anderen sich zu Johann Sebastian Bach bekennt, schließlich aber sein Streben als „auf echte und neue Romantik gerichtet“ erklärt, erscheinen zudem eher geeignet, das Bild seiner Persönlichkeit in Nebel zu hüllen, als es zu klären. Um so mehr erhoffte man von der persönlichen Begegnung mit dem Komponisten eine Antwort auf die hier vorliegenden Fragen.

Das Programm umfaßte zwei bekannte ältere Kompositionen: das Frühwerk „Pacific 231“ und das Concertino des Zweiunddreißigjährigen für Klavier und Orchester, den seltener zu hörenden „Horace victorieux“ sowie drei für Deutschland neue Werke. Von diesen erwies sich als das stärkste die 1945 komponierte „Sérénade à Angélique, eine entzückende Komposition von höchst reizvoller Kläglichkeit Und schwerelosem Humor; hier spricht der Franzose Honegger, der seit langem in Paris Ansässige. Die anderen beiden Werke nähern sich stark der Gattung der Programmmusik: ein „Prélude, Fugue et Postlude“ für Orchester bewegt sich dabei auf der Ebene einer leicht französisch gefärbten Neuromantik, während die Suite „Jour de Féte Suisse“ reine Unterhaltungsmusik darstellt, oft witzig (und stets geschickt) gemacht, aber mitunter sich doch allzu geschminkt ins Banale verbittend. In krassem Gegensatz dazu befleißigt sich der „Horace victorieux“ einer Ausdrucksgestik von kompromißloser Härte, die ohne den szenischen Zusammenhang mit der zugrunde liegenden pantomimischen Handlung ziemlich wirkungslos verpufft. „Pacific 231“ dagegen, dem man nun wieder begegnete, erwies sich erneut als sehr effektvolles Stück, dessen einstige revolutionäre Schrecken einer recht zahmen, fast spielerischen Wirkung Platz gemacht haben. Unvermindert frisch geblieben ist das Concertino (dessen Solopart Andree Vaurabourg, Honeggers Gattin, ausgezeichnet spielte).

Das Ergebnis lautet also: die nach dem Anmutigen, nach dem Französischen hin tendierenden Stücke dieses Programms waren die stärkeren, während die zum Programmatischen hin neigenden schwächer wirkten. Die Diskrepanz zwischen den verschiedenen Seiten des Honeggerschen Schaffens ist groß. Auch der Dirigent Honegger, der sich ehrlich und ohne Pose gibt, der seine Musik noch einmal im Nachschaffen durchlebt und in kräftigen, eindeutigen Dirigierbewegungen das Wesentliche gibt, ohne sich allzusehr auf Einzelheiten einzulassen, bleibt uns die Antwort auf unsere Fragen schuldig. Oder doch nicht? Der vitale, den Außenerlebnissen hingebende Mensch scheint zu dominieren, der nach innen Schauende, der Visionen Hingegebene ein verborgenes Eigenleben zu führen. Die volle Bindung beider –: sie ist das immer wieder erstrebte Ziel der schöpferischen Persönlichkeiten unserer Zeit. Kaum einer besitzt sie. Da aber, wo Honegger in der Innenschau zu entscheidenden Klangvisionen durchstößt, gibt er sein Wesentliches, erreicht er die Größten unserer Zeit. Erich Hermann