Den Einfluß der Religion auf die Politik können Skeptiker bezweifeln, den der Kirche nicht. In Stuttgart bezeichnete Bischof D. Dr. Dibelius auf einer Tagung des Evangelischen Kirchenrates in der vergangenen Woche die Nürnberger Prozesse als „haarsträubende Vergeltung der Sieger“. Mit Ausnahme des ersten seien alle Nürnberger Verfahren „ungerechtfertigt“. Solange es noch keinen international anerkannten Gerichtshof gäbe, könne bei den Kriegsverbrecherprozessen, in denen der Sieger richte, nicht vom Recht gesprochen werden. Und 24 Stunden später fügte er, ohne allerdings auf eine Beziehung seiner Äußerungen hinzuweisen, wie von ungefähr hinzu: „Die Kirche kann sich vom-Staat nicht in den religiösen Sektor zurückdrängen lassen.“ Der deutsche Protestantismus ist aus seiner Reserve getreten. Er hat den unmittelbaren Zusammenhang von Recht und Politik mit seiner Lehre nach den Erfahrungen der jüngsten Geschichte erkannt, und er handelt danach. Der Bischof von Berlin hat es in der Markuskirche zu Stuttgart erneut bewiesen.

Die bei protestantischen Kirchenregenten nicht eben häufige Herrschaftsgabe scheint Friedrich Karl Otto Dibelius angeboren, das Christentum hat er „gelebt“. Wie? Die Frage wird in seinen beiden Büchern „Friede auf Erden“ und „Das Jahrhundert der Kirche“ beantwortet und – vielleicht deutlicher – in einer fast vergessenen Begebenheit aus der Zeit des Dritten Reiches. Als der Kirchenminister. Hitlers, Kerrl, dem damaligen Generalsuperintendenten der Kurmark vor einem Gerichtshof vorwarf, er hätte gar nicht reden dürfen, da er ja außer Dienst stehe, antwortete der Angeklagte: „Herr Minister, ein Christ, ist niemals außer Dienst“ Haft, Schreib-, Rede- und Aufenthaltsverbote konnten nicht verhindern daß dieser Mann unter den Nationalsozialisten hinter den Kulissen de Bekennende Kirche leitete, Heute hält der 69jährige Nachfolger Theophil Wurms als Vorsitzender der evangelischen Kirche in Deutschland die letzte Klammer in Händen, die Ost- und Westdeutschland noch, organisatorisch, miteinander verbindet. Wie kaum einem zweiten ist es ihm ernst mit dem Programm der Weltkirchenkonferenz von Amsterdam: Weder Kommunismus noch Kapitalismus. Eher bürgerlich als sakral, eher kühl als pathetisch und mit einem ausgeprägt modellierten. Kopf, der unwillkürlich an Lenin erinnert, gleicht er viel mehr einem Privatgelehrten als einem kirchlichen Oberhirten. So ist es bezeichnend, daß er mit Vorliebe den bürgerlich-skeptischen Dichter Fontane liest. Sein Amt führte ihn nach der Kapitulation nach Schweden, der Schweiz, Amerika, Holland und England, wo er den Weihnachtsabend 1946 in einem Kriegsgefangenenlager verbrachte. Seine Liebe gilt den Armen und Schwachen, sein Ziel der Freiheit und Stärke der evangelischen Kirche. Sein unermüdlicher Kampf aber ist gegen die Allmacht des Staates; geachtet!

„Die christliche Kirche und die totalitäre Lehre stehen sich unversöhnlich gegenüber“, erklärte Dr. Dibelius in Amsterdam: Es muß für ihn eine der schmerzlichsten Erfahrungen gewesen sein, daß sich auch nach dem Zusammenbruch Hitler-Deutschlands in der gesamten Welt eine immer stärker werdende Entwicklung zum totalitären Staat bemerkbar gemacht hat. Die Welt braucht daher, seiner Meinung nach, heute dringender denn je eine „neue Staatsidee“, die das „Tier aus dem Abgrund“, wie der Machtstaat in der Offenbarung Johannis einmal genannt wird, in die „Grenzen seiner Rechte und Pflichten zurückführt“ und ihn wieder „zum Diener des Volkes“ werden läßt. Denn: „Wo Macht ist, ist auch Fluch“, so predigte vor wenigen Monaten der Bischof von Berlin auf seiner Kanzel in der überfüllten Marienkirche. Auch keine Besatzungsmacht könne auf die Dauer Segen bringen. Und aus demselben Grunde verkündete der Führer des deutschen Protestantismus jetzt zu Pfingsten – zu jenem Tage, in dem vor 2000 Jahren Gott jedem Christen den Heiligen Geist zusagte – keine verheißende Botschaft, sondern eine ernst; Warnung „Für die Kirche ist die Stunde gekommen, zu reden, sie bisher hat schweigen müssen.“ C. J.