Die Vollversammlung der UNO hat vor 14 Tagen das wirre Knäuel aus Tatsachen, Ideen und Wünschen um die italienischen Kolonien wie so manches andere Problem unentwirrt wieder beiseite gelegt. Dies hat England die Möglichkeit gegeben, nun von sich aus den Faden an einem Ende aufzugreifen und etwas zur Wiedergewinnung des Vertrauens der arabischen Welt zu tun: Die englische Regierung hat den Chef der Cyrenaika-Verwaltung, Mr. de Candole, angewiesen, vor einer Versammlung des Nationalkongresses in Benghazi am 1. Juni den Emir Sir Sayyed Idris el Senussi, O. B. E., als Oberhaupt einer in ihren inneren Angelegenheiten autonomen Cyrenaika anzuerkennen. Der Emir wiederum wollte nicht einsehen, warum nur England fait accomplis schaffen könne, und proklamierte seinerseits wenige Stunden vorher die völlige Souveränität seines Emirats über 250 000 Senussi. Er versprach gleichzeitig für die Freiheit des übrigen Libyen, also Tripolitaniens und des Fezzan, zu wirken. So erschien die kurz darauf abgegebene, bescheidene Erklärung Mr. de Candoles zunächst einmal wie eine Sanktionierung der unbescheideneren Absichten des Emirs.

Vermutlich wird vorerst das Fait accompli Englands und nicht das des Senussifürsten gelten. Aber wir haben ein Beispiel in der Geschichte des Emir Abdallah von Transjordanien und können deshalb dem Emir Idris einen ähnlichen Weg voraussagen. Müht sich König Abdallah heute immer noch um sein „Groß-Syrien“, so hat Idris el Senussi bessere Aussichten, in absehbarer Zeit ein „Groß-Libyen“ unter seiner Herrschaft zu vereinen. Der 70jährige, einäugige Mufti von Libyen, Mohammed Bulas ad el Alem, hat bereits in Tripolis erklärt, er werde seine 700 000 Moslem, ausgerüstet mit seinerzeit „zurückgelegten“ Waffen der Britischen 8. Armee und des Afrika-Korps, gegen jeden einsetzen, der sich einer Monarchie ganz Libyens unter Idris el Senussi als König widersetze. Die arabischen Staaten würden eine solche Entwicklung nur begrüßen. England wäre ein zweiter Abdallah im östlichen Mittelmeer sicher nicht unlieb. Das italienische Volk aber wäre gut beraten, wenn es seine nordafrikanische Zukunft in einer Beteiligung als mitwirkende Minorität in einem selbständigen und befreundeten libyschen Staatswesen suchte. Nur Frankreich wird mit Recht sorgenvoll diese neue Entwicklung beobachten, deren Auswirkungen auf den arabischen Nationalismus in Tunis und Algerien nicht ausbleiben werden. C. D.