Von Walter Abendroth

Am 11. Juni vollendet Richard Strauß sein 85. Lebensjahr. Nach dem Tode Hans Pfitzners ist er der letzte Überlebende jener Musikergeneration, die in Deutschland durch die Namen Mahler, Reger, Pfitzner und Strauß repräsentiert wurde. An internationaler Geltung, stand Strauß an der Spitze dieser vier Repräsentanten, und besonders im Ausland wird noch heute vor allem sein Name genannt, wenn von Glanz und Größe jener zu Ende gehenden musikgeschichtlichen Epoche die Rede ist. Unter den vieren war Mahler der Problematiker zwischen Geist, Seele und Technik, Reger der bewußte Reformator des Stils, Pfitzner der große Unzeitgemäße und Strauß der Zeitgemäße par excellence, in dessen Werk die bürgerliche Spätkultur der – im weitesten Sinne genommen – Jahrhundertwende, im stetigen Einklang mit ihren letzten Ausdruckswandlungen, die glänzendste künstlerische Spiegelung erfuhr. Wenn wir in einer seiner seltenen schriftstellerischen Äußerungen lesen, daß für ihn die deutsche Musik von J. S. Bach überhaupt erst erschaffen wurde, daß die Kunst Richard Wagners mit der Sprache des modernen Orchesters „eine dreitausendjährige Kulturentwicklung abschloß“, wenn wir sein enges musikalisches Verhältnis zu Liszt, dagegen seine Nichtachtung des „stammelnden Zyklopen“ Bruckner zur Kenntnis nehmen müssen, so ist damit in der Tat die Musikanschauung jener bürgerlichen Spätkultur umrissen, in deren Kunstgebäude sich Strauß’ eigenes Lebenswerk als monumentaler Schlußstein und wie ein Gestalt gewordener, vielfältiger, aber eindeutiger Epilog einfügt.

Aus Anlaß des Fünfundachtziger-Jubiläums bringt der bekannte Züricher Musikschriftsteller Willi Schuh im Atlantis-Verlag unter dem Titel „Richard Strauß; Betrachtungen und Erinnerungen“ eine Sammlung zum Teil bereits früher publizierter, zum Teil hier erstmalig abgedruckter Aufsätze, Reden, Vorworte oder offener Briefe des Meisters heraus. Zu den erstveröffentlichten Beiträgen gehören: „Dirigentenerfahrungen mit klassischen Meisterwerken“, „Bemerkungen zu Richard Wagners Gesamtkunstwerk und zum Bayreuther Festspielhaus“, „Gedächtnisrede auf Friedrich Rösch“, „Brief über das humanistische Gymnasium“, „Interview über die ägyptische Helena“, „Meine Werke in guter Zusammen-Stellung“, „Vom melodischen Einfall“, „Erinnerungen an meinen Vater“, „Aus meinen Jugend- und Lehrjahren“ und „Erinnerungen an die ersten Aufführungen meiner Opern“,

Die Lektüre dieser 206 Seiten ist fesselnd, unterhaltsam und lehrreich zugleich. Der Magier der Orchestertechnik und virtuose Instrumentator erweist sich auch in der Art, wie Strauß Dogmatisches mit esprit, Subjektives mit Allgemeingültigem, Belehrendes mit Anekdotischem zu mischen und zu würzen weiß. Aus zahlreichen Mosaiksteinen ersteht so ein buntfarbiges Bild der etwa sechs Jahrzehnte neuerer Musikgeschichte, die der Komponist Richard Strauß mit erlebt und mit geschrieben hat; wenn auch kein lückenloses, so doch gerade darum aufschlußreiches Bild. Die Beiträge, die sich auf eigene Schöpfungen beziehen, wird der Strauß-Verehrer mit Interesse studieren. Die Anekdotenschätze der speziellen „Erinnerungen“ (an den Vater, an Hans von Bülow) wird jeder Musikfreund mit Genuß und Vergnügen ausschöpfen (auch die Strauß-Anekdote wird authentisch berichtet oder berichtigt). Am wertvollsten aber scheinen die aus reichster Erfahrung abgeleiteten praktischer Winke, Ratschläge und Regeln, die der Meister den Musikinterpreten – insbesondere der Kapellmeistern – gibt, und die nun freilich einmal im besten Sinne unzeitgemäß sind und deshalb in das Stammbuch jedes – Pultvirtuosen oder -akrobaten von heute gehören. „Für die Technik des Dirigierens ist das Entscheidende, daß je kürzer, nur aus dem Handgelenk heraus, die Zeichengebung ist, desto präziser die Ausführung“ – oder: „Die linke Hand hat mit dem Dirigieren nichts zu tun. Sie gehört am besten in die Westentasche, um höchstens einmal einen leisen Wink zur Abdämpfung oder ein unbedeutendes Zeichen zu geben, aber dafür genügt ein unmerklicher Blick. Statt mit dem Arm dirigiert man am besten mit dem Ohr: daraus ergibt sich automatisch das übrige.“ Das sind goldene Worte. Sie verraten den schöpferischen Musiker, der nicht durch das „Wie“, sondern durch das „Was“ zu wirken gewöhnt ist.

Es ist überflüssig, die musikalischen Werke des greisen Jubilars hier aufzuzählen. Es braucht an sie nicht erinnert zu werden, denn sie nehmen in den Opernhäusern und Konzertsälen aller Welt einen hervorragenden Platz ein. Das Leben, auf das der Komponist an seinem Ehrentag zurückblicken kann, war eine Kette fast ununterbrochener Erfolge, die weder von unsachlichen noch von sachlichen kritischen Einwänden beeinträchtigt werden konnten, weil sie der Ausdruck dafür waren, daß in diesen Werken ein Zeitalter sein künstlerisches Spiegelbild wiedererkannte.